Haydn, Michael

Requiem/Missa Sancti Joannis Nepomuceni/Te Deum in D

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio 71084
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 93

Die Ein­spielung eines Requiems in c‑Moll von Michael Haydn durch den Kam­mer­chor Can­te­mus und die Deutsche Kam­mer­akademie Neuss unter der Leitung des langjähri­gen kün­st­lerischen Leit­ers von Con­cer­to Köln, Wern­er Ehrhardt, bewirbt das entsprechende CD-Book­let als Welt­premiere. Dort wird zudem Olaf Kro­ne als Wieder­ent­deck­er der Kom­po­si­tion genan­nt, obwohl Charles H. Sher­man erst­mals auf das Werk hin­wies und dieses in seinem Werkverze­ich­nis unter der Num­mer 559 aufge­lis­tet hat. Mit­tler­weile ist in der Musik­wis­senschaft die Autoren­schaft Haydns umstrit­ten bzw. wird sog­ar häu­fig geleugnet. Auf dieses Missver­hält­nis zwis­chen Ver­laut­barun­gen des CD-Book­lets und wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen hat­te Michael Wersin in sein­er CD-Besprechung, ohne allerd­ings auf die Inter­pre­ta­tion näher einzuge­hen, im Mag­a­zin Ron­do hingewiesen, woraufhin ein Dis­put mit Olaf Kro­ne ein­set­zte. An dieser Stelle soll jedoch nicht diese Diskus­sion fort­ge­führt wer­den. Wer auch immer der Kom­pon­ist des Requiems in c‑Moll ist, es han­delt sich dabei um eine inter­es­sante und sehr gelun­gene Kom­po­si­tion, die auf­grund ihrer Qual­ität eine Auf­nahme recht­fer­tigt.
Wie die bei­den übri­gen Werke auf der CD, die Mis­sa Sanc­ti Joan­nis Nepo­muceni (MH 182) und das Te Deum in D (MH 829), die zweifels­frei Kom­po­si­tio­nen Michael Haydns sind, kommt auch das Requiem ohne Vokalsolis­ten aus und wird somit allein vom Chor getra­gen. Dies ist lei­der auch der Schwach­punkt der Auf­nahme, denn der Chor ist in viel­er­lei Hin­sicht den Anforderun­gen nicht gewach­sen. Sowohl was die Homogen­ität und die Trans­parenz des Chork­langs als auch die Artiku­la­tion bet­rifft, kann das Ensem­ble nicht befriedi­gen. Der Qual­ität­sun­ter­schied zwis­chen Orch­ester und Chor ist zu groß und die von der Kam­mer­akademie geset­zten musikalis­chen Impulse wer­den nur ungenü­gend vom Chor aufge­grif­f­en.
An eini­gen Stellen wirken die bei­den Ensem­bles sog­ar wie Fremd­kör­p­er, die erst später zusam­menge­fügt wur­den. Hier­durch wird let­ztlich auch die far­bige und span­nungsre­iche Wieder­gabe durch die Instru­men­tal­is­ten überdeckt. Dieses Manko gilt im Übri­gen lei­der auch für die bei­den anderen aufgenomme­nen Werke. Im Fall des Requiems, das ver­mut­lich von Georg von Paster­witz stammt, kann man nur hof­fen, dass sich bald ein ander­er Chor dieses Werks annimmt. Bis dahin muss man mit dieser zwiespälti­gen Auf­nahme vor­lieb­nehmen.
Kle­mens Fiebach