Mozart, Wolfgang Amadeus

Requiem KV 626

SmWV 105, Neuausgabe nach den Quellen von David Black, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Peters, Frankfurt am Main 2013
erschienen in: das Orchester 11/2013 , Seite 71

„Urtex­taus­gaben“, so die Def­i­n­i­tion, hal­ten sich kon­se­quent an den Noten­text, den der Kom­pon­ist selb­st hin­ter­lassen hat. Solche Edi­tio­nen sind in den aller­meis­ten Fällen sin­nvoll, da Musik­w­erke vom Mit­te­lal­ter bis in die Roman­tik häu­fig anders gedruckt wur­den, als sie die Manuskripte über­liefer­ten. Je weit­er man in der Zeit zurück­ge­ht, umso drin­gen­der schien die ver­mit­tel­nde Auf­gabe des Ver­legers, alte Werke der Gegen­wart zugänglich zu machen, und zwar in ein­er Sprache, die prob­lem­los von jedem ver­standen würde. So hiel­ten es die Koryphäen des frühen 20. Jahrhun­derts noch für nötig, etwa die Werke Bachs und Hän­dels in „prak­tis­chen Aus­gaben“ her­auszubrin­gen, um Auf­führun­gen nach „mod­ern“ emp­fun­de­nen Stan­dards zu ermöglichen. Zeit­gemäße „Verbesserun­gen“ (nicht nur der Inst­rumentierung) wur­den ange­bracht mit dem Ziel, den Musik­ern und Chören den Zugang zu erle­ichtern. Heute sieht man das anders, und etwa Bach ohne kri­tis­che Urtex­taus­gabe und his­torisch informierte Musik­er aufzuführen scheint ein „No go“.
Wie aber ver­hält es sich bei Mozarts Requiem? Die Umstände sein­er Entste­hung und Vol­len­dung sind ein his­torisch kom­plex unter­sucht­es, anek­doten­re­ich kol­portiertes und auch von namhaften Kün­stlern sorgfältig durch­wühltes Mienen­feld der Musikgeschichte. Dabei das pop­uläre Kirchen­werk einzig auf jene Frag­mente zu reduzieren, die Mozart selb­st hin­ter­lassen hat, wäre absurd. Doch die Ver­suche, das Werk zu vol­len­den, unter denen Franz Xaver Süß­mayr eine erste Kom­plet­tierung gelang: Zählen diese auch zum „Urtext“ ein­er Toten­messe, zu der Mozart selb­st weniger als die Hälfte beige­tra­gen hat? Und wie ste­ht es – ger­ade im Fall Süß­mayr – mit der qual­i­ta­tiv­en Bew­er­tung des Hinzukom­ponierten, das nicht erst in neuer­er Zeit in seinen Schwächen erkan­nt und san­ft kor­rigiert wurde, son­dern auch schon von Brahms, Strauss oder Bruno Wal­ter?
David Black (Cam­bridge) hat sich bei der Urtex­taus­gabe für die Edi­tion Peters darauf konzen­tri­ert, Süß­mayrs „Abliefer­ungspar­ti­tur“ zu edieren und zwar in ein­er Form, die dessen Ergänzun­gen leicht erkennbar macht. Es han­delt sich um die Par­ti­tur, die dem Auf­tragge­ber Graf Wallsegg 1792/93 übergeben wurde. Neben­quellen sind die „Arbeitspar­ti­tur“ Mozarts (ohne Eyblers Ergänzun­gen) sowie zeit­genös­sis­che Stim­menab­schriften aus Kremsmün­ster (1796) und der Erst­druck von 1800. Die Peters-Neuaus­gabe löst im gle­ichen Haus die von ca. 1959 ab. Sie übern­immt auch die (sehr weni­gen) Änderun­gen, die Süß­mayr gegenüber Mozarts Hand­schrift vor­nahm, und reinigt den Noten­text von allen nach­fol­gen­den, zum Teil umstrit­te­nen, aber auch pos­i­tiv aufgenomme­nen und in die musikalis­che Prax­is einge­flosse­nen „Nachbesserun­gen“, wie sie etwa Franz Bey­er vor­nahm. Längst wur­den diese von renom­mierten Diri­gen­ten wie Niko­laus Harnon­court akzep­tiert.
Mozarts Requiem ist eines der meis­taufge­führten Kirchen­musik­w­erke über­haupt. Die Prax­is wird zeigen, welche der vor­liegen­den Aus­gaben sich durch­set­zt. Diese Neuedi­tion ergreift Partei für Süß­mayr und stärkt seine Posi­tion im Stre­it um das „wahre“ Requiem, der damit aber sich­er nicht been­det sein wird.
Matthias Roth