Schumann, Robert

Requiem/Der Königssohn/Nachtlied

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 78

Robert Schu­manns Requiem, vier Jahre vor seinem Tod in geistiger Umnach­tung 1856 ent­standen, eignet sich kaum zur Mythen­bil­dung. Auch wenn die Schu­mann zugeschriebene Äußerung, „ein Requiem schreibt man für sich selb­st“ authen­tisch sein sollte, so zeich­net sich die Musik nicht unbe­d­ingt durch extreme Emo­tion­al­ität oder die Auseinan­der­set­zung mit dem nahen­den eige­nen Tod aus. Dass Schu­mann das Dies irae nicht mit the­atralis­ch­er Wucht und Dra­matik verse­hen hat, wie dies seit Mozarts Requiem fast verpflich­t­end schien, ist das Ergeb­nis ein­er für die Requiem-Ver­to­nun­gen des 19. Jahrhun­derts ungewöhn­lichen Konzep­tion. Ursprünglich hat­te Schu­mann bei der Ver­to­nung des lateinis­chen Requiem-Textes, wie die Skizzen zeigen, einen Beginn in d‑Moll wie bei Mozart im Sinn. Doch der dämonisch-unter­füt­terte, schon rel­a­tiv weit aus­ge­führte erste Satz wurde von Schu­mann zugun­sten ein­er eher in sich ruhen­den Gesamtkonzep­tion ver­wor­fen. „Wie her­rlich und fromm emp­fun­den“,
urteilte Clara Schu­mann 1854. Ein Urteil, dem sich die Nach­welt nur zurück­hal­tend anschließen wollte.
Nun ist unter Leitung von Georg Grün mit dem Kam­mer­Chor Saar­brück­en und der Deutschen Radio Phil­har­monie Saar­brück­en Kaiser­slautern eine ansprechende Neuein­spielung erschienen, die die kon­tem­pla­tiv­en Momente des Requiems bestens ausleuchtet. Der schlank und dynamisch sehr dif­feren­ziert sin­gende, in allen Stimm­la­gen aus­geglichen beset­zte Chor, aber auch das Solis­te­nensem­ble mit der mit leuch­t­en­der Höhe agieren­den Sopranistin Sibyl­la Rubens, der markant-expres­siv­en Altistin Inge­borg Danz, dem schlankstim­mi­gen Tenor von Christoph Pré­gar­di­en sowie dem Bass Yor­ck Felix Speer ste­ht für eine sehr konzen­tri­erte Sicht des Requiems, die mit viel Innenspan­nung und feinen Details aufwarten kann. Im Ver­gle­ich dazu set­zt die jüngst wieder veröf­fentlichte Ein­spielung von Bern­hard Klee, den Düs­sel­dor­fer Sym­phonikern und dem Chor des Düs­sel­dor­fers Musikvere­ins (EMI 6315202) auf eine eher sportive Dra­matik, mit viel Wucht, aber weniger dynamis­chem Fein­schliff. Der Chor klingt zudem wenig trans­par­ent, das promi­nente Solis­te­nensem­ble ist nicht so homogen wie das aus Saar­brück­en. Der pos­i­tive Ein­druck der Neuein­spielung wird auch vom Nachtlied für Chor und Orch­ester op. 108 unter­strichen.
Bei Der Königssohn, der ersten der vier Bal­laden für Solis­ten, Chor und Orch­ester, ein­er Gat­tung, die Schu­mann ins Konzertleben ein­führte, unter­stre­ichen Grün und das Solis­te­nensem­ble – zu dem sich hier der Bari­ton Adolph Sei­del hinzuge­sellt – die Wirkungsmächtigkeit der Geschichte. Der Diri­gent und Chor­leit­er gestal­tete die Hand­lung um den Königssohn, der sich ein eigenes Reich erwirbt, mit sehr dif­feren­ziert agieren­den Solis­ten und einem schlank geführten, aus­ge­wo­ge­nen Chor. Beson­ders Christoph Pré­gar­di­en mit seinem makel­los geführten Tenor gelingt es, die charak­ter­liche Entwick­lung des jun­gen Herrsch­ers detail­re­ich nachzuze­ich­nen.
Wal­ter Sch­neck­en­burg­er