Mozart, Wolfgang Amadeus

Requiem

Zeitgenössische Bearbeitung für Streichquartett von Peter Lichtenthal, Partitur/Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Güntersberg, Heidelberg 2006
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 84

„Glaube mir, es ist vergebene Mühe, in Ital­ien höhere Musik zu schreiben: die Zuschauer schlafen dabey ein“, sagte ein­er, der es wis­sen musste: Rossi­ni. Nach dem Jahrhun­dert der Instru­men­tal­musik bevorzugte man im Land, wo nicht nur die Zitro­nen blühen, ab 1800 vor allem Opern. Sin­fonis­che oder anspruchsvolle Kam­mer- oder Kirchen­musik von nördlich der Alpen – Haydn, Mozart, Beethoven zum Beispiel – nahm man in bel­la Italia kaum mehr zur Ken­nt­nis. Allein in akademis­chen Zirkeln, unter „Dilet­tan­ten“, inter­essierte man sich noch für solche Werke, und find­i­ge Leute fer­tigten vor allem für diese pri­vat­en Zirkel Bear­beitun­gen an: Sin­fonien für Klavier vier­händig, Bear­beitun­gen von Klavierkonz­erten, Auszüge aus Opern für Kam­merensem­ble oder auch Mozarts Requiem für Stre­ichquar­tett. Mozart war außer als Schöpfer einiger Opern ein weit­ge­hend unbekan­nter Kom­pon­ist im Ital­ien des frühen 19. Jahrhun­derts.
Peter Lich­t­en­thal (1780–1853), in Press­burg (Bratisla­va) geboren, Medi­zin­er, Schrift­steller und Kom­pon­ist, arbeit­ete ab 1810 in Mai­land, schrieb über viele Jahre Musik­berichte sein­er neuen Heimat für die Leipziger All­ge­meine musikalis­che Zeitung und die erste Musiken­zyk­lopädie in ital­ienis­ch­er Sprache (1826). Er set­zte sich beson­ders für die Musik der deutsch-öster­re­ichis­chen Klas­sik­er ein, indem er ihre Werke für Ken­ner und Lieb­haber bear­beit­ete.
Im Hei­del­berg­er Ver­lag Gün­ters­berg ist nun in Erstaus­gabe Lich­t­en­thals Stre­ichquar­tett-Bear­beitung des mozartschen Requiems erschienen, die sein­erzeit unge­druckt geblieben war. Sie hält sich an die Erstaus­gabe des Requiems bei Bre­itkopf & Här­tel aus dem Jahr 1800, für die Franz Xaver Süß­may­er die Ergänzun­gen zum Mozart-Frag­ment kom­poniert hat­te – mit allen heute bekan­nten Unzulänglichkeit­en dieser Ver­voll­ständi­gung. Den­noch hat Lich­t­en­thals Ein­rich­tung ihren eige­nen, ganz inti­men Reiz: Soli, Chor- und Orch­ester­stim­men reduzierte er meist auf ein har­monisch-kon­tra­punk­tis­ches Extrakt, das in beson­derem Maße nun eine dif­feren­zierte Far­bge­bung der Inter­pre­ten her­aus­fordert. Denn heute, da das Werk zu den meist­ge­spiel­ten der Kirchen­musik gehört, kann ein jed­er die Par­ti­tur qua­si mitsin­gen. Das war damals nicht so.
So muss sich der kluge Musik­er unser­er Zeit am hier nicht mehr vorhan­de­nen, aber bekan­nten Text des Orig­i­nal­w­erks ori­en­tieren: Im „Dies irae“ zum Beispiel emp­fiehlt sich das beson­ders, denn Lich­t­en­thal ignori­ert hier Chor- und Bläser­satz voll­ständig und konzen­tri­ert sich auss­chließlich auf die rasenden Stre­ich­er­stim­men. Dadurch ent­ge­hen freilich entschei­dende artiku­la­torische Details, auf die er im Noten­text auch nicht hin­weist: die Bindun­gen im Bass bei Takt 41 etwa, die sich im Fol­gen­den nach­haltig auswirken, oder für das Ganze bedeut­same Akzente (T. 48, 50). Anders und bess­er hand­habt Lich­t­en­thal die unter­schiedlichen Stim­men des „Rex tremen­dae“. Allerd­ings ver­lieren hier auch die überirdis­chen „Sal­va me“-Einwürfe der Frauen­stim­men deut­lich an Wirkung: Etwas weniger beflis­sene Kon­tra­punk­tik wäre hier vielle­icht mehr gewe­sen und sollte beim gemein­samen Quar­tettspiel vielle­icht entsprechend reduziert wer­den.
Vor diesem Hin­ter­grund bietet diese Erstaus­gabe den­noch viele Möglichkeit­en für Quar­tet­tbe­set­zun­gen und zeigt ein Juwel klas­sis­ch­er Kirchen­musik von ein­er ganz anderen, qua­si häus­lichen Seite.
Matthias Roth