Tormis, Veljo

Reminiscentia

Das letzte Schiff (Valse triste), für Streichorchester und Percussion, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Eres, Lilienthal 2010
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 70

Allein der Titel Das let­zte Schiff assozi­iert Bedrohlich­es, Lei­d­volles, Zeit­na­h­es, Eilen­des, Verzweifeltes, unwieder­bringlichen Abschied – so als ob wir Angst haben müssen, etwas zu ver­passen. Oder wenn wir beispiel­sweise im Kino endlich begreifen, dass die Trilo­gie Der Herr der Ringe mit der Aus­fahrt des let­zten Schiffes nun wirk­lich vor­bei ist.
1981 hat­te der 1930 im est­nis­chen Kuusalu geborene Veljo Tormis einen vier­stim­mi­gen Chor­satz über einen est­nis­chen Orig­inal­text von Juhan Smuul für Män­ner­chor mit dem Titel Viimane laef geschrieben. Der deutsche Text nach Han­na Helling begin­nt mit: „Wenn ein Schiff ein­mal trägt meinen Namen, ist mein Leben schon lange vor­bei…“ Es soll in Est­land eine schöne Sitte sein, Schiffe nach ver­stor­be­nen Schrift­stellern zu taufen und diese damit zu ehren. Indem die Schiffe auf den Welt­meeren fahren, sollen sie sym­bol­isch die Gedanken der Dichter in die Welt tra­gen. Elf Jahre nach der Ver­to­nung erschien die Kom­po­si­tion 2002 in Druck.
Erst jüngst im Jahr 2009 bear­beit­ete Tormis das Chor­w­erk für Stre­i­chorch­ester mit zwei Vio­li­nen, Vio­la, Vio­lon­cel­lo und Kon­tra­bass sowie großer Trom­mel mit Beck­en als eine eigene Rem­i­niszenz um. Es ist zunächst eine nahezu notenge­treue Adap­tion des Chor­satzes – von den inten­sität­sre­ichen Oktavver­dop­pelun­gen und Dop­pel­grif­f­en bzw. Stim­menteilun­gen mal abge­se­hen. Sog­ar die Tak­tzahl ist iden­tisch, der Mit­tel­teil ist jedoch von Mod­er­a­to in Alle­gro mit genauer Metrono­mangabe in der Instru­men­talver­sion geän­dert wor­den. Hier brauchte Tormis nicht auf eine gute Textver­ständlichkeit Rück­sicht zu nehmen und kon­nte seine Valse triste wie einst Jean Sibelius mit fast wirbel­nder Tanzwut nach vorne treiben. Hier löste sich Tormis außer­dem von dem stren­gen Chor­satz­mod­ell, die Adap­tion wird zur echt­en Rem­i­niszenz, wan­delt sich hier wie in ein­er Meta­mor­phose zum Instru­men­tal­stück, indem er zuerst dem Bass die Möglichkeit gibt, mit seinen bewe­gen­den Impulsen auf erster Zäh­lzeit einen Instru­men­tal­walz­er zu ent­fachen. Später übernehmen zunächst Vio­la (T. 56), dann das Vio­lon­cel­lo (T. 67), gefol­gt wiederum von der Vio­la (T. 82) die Gesang­parts und „sin­gen“ die Soli ohne Worte auf ihre ganz spez­i­fis­che Weise. Die dynamisch harten Ein­würfe, T. 57 ff., bedür­fen immer weniger eines Texts, emanzip­ieren sich zu einem eigen­ständi­gen Akkom­pag­ne­ment.
In diesem schnellen Mit­tel­teil gesellen sich die bei­den Perkus­sion­sin­stru­mente dazu (ab T. 93), wobei die große Trom­mel lediglich das Walz­er-Grund­metrum auf der ersten Zäh­lzeit ver­stärkt, das Beck­en mit eini­gen gemütlichen „Tsching“ kristallin den Trom­melschlag kom­men­tiert, her­nach es mit einem leisen Wirbel lediglich als Tep­pich unter dem let­zten Stre­icher­auf­bäu­men glänzt. Nach Takt 139 scheint das Schiff in den Hafen zurück­zukehren, es ist alles wie am Anfang: Der fast streng homo­fone Chor­satz nimmt das sehn­süchtige The­ma nochmals auf. Mit einem Fla­geo­lett im Kon­tra­bass ver­flüchtigt sich dieses Stück wie ein Gedanke in den Äther des Wun­der­baren.
Wern­er Boden­dorff