Pintscher, Matthias

Reflections on Narcissus for Violoncello and Orchestra

Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2005
erschienen in: das Orchester 09/2007 , Seite 82

Das Orchester ist mit Holzbläsergruppe (3 Flöten [2. und 3. auch Piccolo], 2 Oboen [2. auch Englischhorn], 2 Klarinetten in B [2. auch Es-Klarinette], Bassklarinette in B, 2 Fagotte, Kontrafagott), mit Blechbläsern (4 Hörner in F, 3 Trompeten in C, 3 Posaunen, Tuba), mit Harfe, Flügel, Celesta, einem sehr großen Schlagzeugensemble (4 Spieler und mehr) und einem breit gefächerten Streicherblock stark besetzt. „Immer flüssig, fließend“: dieser Hinweis zum anfänglichen Tempo von Reflection V (Viertel etwa 42 MM, ma flessibile sempre) könnte fast programmatisch für das gesamte Werk verstanden werden, ist dieses doch gekennzeichnet durch zahlreiche Wechsel zwischen gegebenem Metrum und gegebenem Tempo – Größen, die freilich immer wieder modifiziert werden – und kürzeren oder auch zeitlich ausgedehnteren Passagen senza misura und senza tempo.
Auch die Übergänge zwischen den insgesamt fünf Reflections scheinen, anders als bei einem dezidiert fünfsätzigen Werk, fließend zu sein. Gleichwohl ist der jeweilige Übergang von einem Abschnitt (Reflection I, II, III u.s.f.) zum nächsten klar: Jeder Abschnitt schließt mit einem Innehalten und Verweilen, mit einem Ritardando oder mit einer Art echohaftem Ausklang (wie der erste), wodurch er sich zugleich zum nächsten hin öffnet.
So vermittelt dieses Werk, das sich durchaus im Sinne der Gattungstradition als Violoncello-Konzert hören lässt, zwischen eher flüssigen und eher festen Aggregatzuständen des musikalischen Materials. Auf der einen Seite sind fest gefügte, geradezu architektonisch scharf umrissene Blöcke zu hören, die auch metrisch exakt und, wenigstens streckenweise, in präzisem Tempo erscheinen, auf der anderen Seite gibt es immer wieder zerfließende musikalische Gestalten, Glissandi, stehende Klänge, ein Auf-der-Stelle-Treten unter Fermaten oder auch Pausen senza tempo.
Der Hörer wird immer hin- und hergerissen; er geht mit in einer Zeit, die er zählen, und einer Zeit, in der er sich verlieren kann. Gleich zu Beginn kündigt sich solcherart Wechsel an: Einem ganz kurzen „Ein-Viertel-Takt“ (im Tempo Viertel etwa 52 MM) folgt ein Pausentakt senza tempo; dann geht es a tempo weiter; aber immer wieder wird dieses stringente Weiter durch Temposchwankungen (wie ritenuto) und Stellen senza tempo modifiziert. Die zeitliche Unschärfe an Stellen, an denen die Zeit gleichsam stehen zu bleiben scheint, schlägt sich auch in der Unterscheidung unterschiedlicher Fermatenlängen nieder.
Bilden in den ersten drei Reflections Stellen bzw. Passagen senza tempo und senza misura die Ausnahme, so dreht sich dieses Verhältnis im Abschnitt Reflection IV um: In diesem Abschnitt, der auch die Cello-Solokadenz bringt, wirken die Stellen a tempo und con misura wie Inseln in einem fließenden Strom. Eine Komposition, die Hörer und Ausführende zwischen die Zeiten, zwischen die Aggregatzustände führt: zwischen eine Zeit, die man zählt, und eine Zeit, in der man sich verliert; zwischen feste und eher flüssige, verschwimmende, nebelhafte Konturen des musikalischen Materials.
Eva-Maria Houben