Gregor A. Mayrhofer
Recycling Concerto
for recycled percussion and orchestra. Vivi Vassileva (Schlagzeugsolistin), SWR Symphonieorchester, Ltg. Gregor A. Mayrhofer
Gegeneinander geschlagene Hölzer, in ihrer Hülle geschüttelte pflanzliche Samen, ein Grashalm, auf dem ein Mensch pfiff – das waren vielleicht die ersten Musikinstrumente der Menschheit. Von diesen Anfängen dauerte es Jahrtausende, bis unsere Orchesterinstrumente entstanden: von der Violine bis zum Kontrabass, von der Tuba zum Piccolo. Heutige Instrumente sind Spitzenerzeugnisse der weltumspannenden Musikindustrie, gebaut als perfekte Diener ihrer Spielerinnen und Spieler. Mit dem Gewinn an Perfektion ging allerdings der Verlust von Unmittelbarkeit einher und nur noch die Schlaginstrumente verströmen einen Hauch von Anarchie. Niemand domestizierte jemals eine große Trommel, nichts widersteht dem schrillen Schrei eines Tamtams.
Dieses widerständige Potenzial der Schlaginstrumente interessierte wohl den Komponisten und Dirigenten Gregor A. Mayrhofer. Für sein Recycling Concerto für Soloschlagzeug und Orchester wählte er eine ungewöhnliche Instrumentenkonstellation. Mayrhofer, vormaliger Assistent von Simon Rattle und Kyrill Petrenko, stellt in seinem Schlagzeugkonzert dem klassischen Orchesterapparat ein Percussion-Set-up gegenüber, in dem Marimba- und Vibrafon ergänzt werden durch Keramik-, Glas-, Metall- und Plastikgefäße mit Hunderten von Klangfarben und Tonhöhen. Was bei Varéses Ionisation die Sirene und bei Cages Living Room Music die Alltagsobjekte, das sind bei Mayrhofer die recycelten Gefäße, denen sich Vivi Vassileva, die wunderbare Solistin der vorliegenden Aufnahme, mit Energie und Hingabe widmet.
Wie klingt das Recycling Concerto? Im Theater würde man von einem Well-made-play sprechen, einem Stück mit hochkünstlerischem Plot, Sinn für Dramaturgie sowie – in diesem Fall – einem offenen Ende. Das SWR-Symphonieorchester schwelgt über weite Strecken in Opulenz und Brillanz, an ausgewählten Stellen grüßen die Orchestermitglieder mit Rasseln und geschwenkten Plastiktüten. Der erste Satz „The Happy Tsunami of Wealth“ karikiert Konsum und Verschwendung zwischen Fanfarenclustern und einem Zitat aus Charles Ives’ The Unanswered Question. In der Folge wird das musikalische Material transformiert, ein zweites Ives-Recycling wechselt zwischen Warnung und Hoffnung. Im dritten Satz, der „Plastic Bottle Cadenza“ schweigt das Orchester, die Musik reduziert sich auf ein virtuoses Solo mit Plastikflaschen. Der abschließende Satz fasst die entwickelten Elemente zusammen und endet (Ives ist erneut der Leitstern) mit der offenen Frage nach der Zukunft der Menschheit.
Komponieren ist ein symbolisches Handeln, dem sich in diesem Fall die Präsentationsform anpasst: Um bei der Herstellung des Produkts möglichst nachhaltig zu sein, wird die aufwändige Edition der Aufnahme als Print-on-Demand auf Schallplatten aus zu 97 Prozent recyceltem Meeresplastik geschnitten: Aus Abfall wird Gold! Stephan Froleyks

