Rihm, Wolfgang

Quid est Deus / Ungemaltes Bild / Frau/Stimme

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic 93.236
erschienen in: das Orchester 10/2010 , Seite 74

Drei Werke Wolf­gang Rihms hat das SWR Sin­fonieorch­ester in her­vor­ra­gen­der Ein­spielung auf ein­er CD vorgelegt. Wolf­gang Rihm hat mit Quid est Deus (2007) ein expres­sives halb­stündi­ges Werk geschaf­fen, das sich weniger mit Worten schildern als mit dem Herzen hören lässt. Ein Werk, das das Gemüt bewegt und den Intellekt kitzelt, großar­tig gespielt wird und grandiose Wirkung erzielt. Es kommt allerd­ings recht mon­u­men­tal daher: ein kon­ven­tionell sin­gen­der Chor, ein dick beset­ztes Sin­fonieorch­ester ohne Vio­li­nen, dazu der uralte Text aus der ange­blichen Fed­er des mythis­chen Her­mes Tris­megis­tos, in dem in 24 Def­i­n­i­tio­nen Gott erk­lärt wer­den soll. Ein­er langsamen, har­monisch schweben­den Intro­duk­tion, geprägt von auss­chließlich dun­klen Klän­gen, fol­gt ein unendlich­es Crescen­do, das sich in lan­gen Dis­so­nanzen löst, von Schlag­w­erk, eini­gen sehr schö­nen Bläser­soli und war­men Stre­ich­ern ver­stärkt und reduziert wird. Sakrale Musik im neuen und zugle­ich ural­ten Gewand, for­mal anscheinend offen, dabei aber streng auf den Kul­mi­na­tion­spunkt zulaufend.
Emil Nolde schuf während seines Berufsver­bots in der Naz­izeit über ein­tausend „Unge­malte Bilder“ – Aquarelle, die er später in Öl umset­zen wollte. Wolf­gang Rihm schrieb 1994 seine danach benan­nte Kom­po­si­tion Unge­maltes Bild. Noldes unge­malte Bilder sind trotz des negieren­den Titels sicht­bar. Rihms gle­ich­namiges Werk, mit größerem Ensem­ble, jedoch ohne Vio­li­nen, beset­zt, ist selb­stver­ständlich ein­deutig hör­bar und grandios inter­pretiert. Ver­hal­tene, solis­tisch instru­men­tierte Klänge und einzelne Töne machen Lust auf mehr, auf aus­geprägtere Ver­läufe und dichtere Beset­zung, scheinen sich zu zieren und den wahren Gehalt der Kom­po­si­tion vor­erst nur anzudeuten. Das Schlagzeug ist wiederum äußerst wichtig und sorgt sowohl für den Fluss der Musik als auch für Brüche.
Frau/Stimme (1989) lässt die bei­den Soprane erst spät dazu kom­men. Doch dann steigen sie in höch­sten Lagen ein, ein Sopran vorn beim Diri­gen­ten, der andere im Orch­ester. Immer wieder schickt Rihm die Sän­gerin­nen (bril­lant: Isol­de Siebert und Car­men Fugiss) ganz weit hin­auf. Der Text, von Rihm zusam­menge­sucht aus Frag­menten von Hein­er Müllers Der Auf­trag, beschreibt in fast bru­tal schlicht­en Worten einen Engel der Verzwei­flung. Span­nend bleibt der gewollte, geniale Kon­trast dieses Textes zu den immer schö­nen und kul­tivierten Frauen­stim­men. Die weni­gen, tre­ff­sich­er geset­zten instru­men­tal­en Töne um den Gesang herum fördern die hohe Expres­siv­ität.
Heike Eick­hoff