Hoffmann, Freia / Volker Timmermannn (Hg.)

Quellentexte zur Geschichte der Instrumentalistin im 19. Jahrhundert

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms, Hildesheim 2013
erschienen in: das Orchester 01/2014 , Seite 70

Ist es vorstell­bar, dass heute ein Konz­ertbe­such­er den Anblick ein­er Geige spie­len­den Frau so unan­genehm empfind­et, dass er die Augen vor dem Phänomen schamhaft ver­schlossen hält? Kaum, oder vielmehr, nein! Heute kön­nen wir uns in die Konz­ertbe­such­er, über die 1837 in der Neuen Zeitschrift für Musik berichtet wird und die die dama­lige Solistin Nanette Oswald ablehn­ten, nur noch sehr schw­er hinein­ver­set­zen. Und doch ist es einen Ver­such wert und dur­chaus inter­es­sant. Hier kann der Band mit Quel­len­tex­ten und zahlre­ichen Orig­i­nal­beiträ­gen zum The­ma der Instru­men­tal­istin dur­chaus hil­fre­ich sein. Es geht dabei nicht nur um die Solis­ten­tätigkeit von Frauen auf der Bühne, son­dern auch um ihren Zugang zur fundierten insti­tu­tionellen Aus­bil­dung, zur Möglichkeit des Unter­richt­ens oder des Veröf­fentlichens von musikalis­chen oder päd­a­gogis­chen Erken­nt­nis­sen.
Die Argu­mente der Befür­worter oder Geg­n­er von Instru­men­tal­istin­nen rufen heute Schmun­zeln oder sog­ar Entset­zen her­vor. Der Musikschrift­steller und Befür­worter Eduard Hanslick argu­men­tierte 1883 auch mit finanziellen Aspek­ten: Ein­er­seits müssten sich die jun­gen Frauen gezwun­gen durch „die bit­tere Noth des Lebens“ im Vir­tu­osen­tum in Konkur­renz mit den Män­nern begeben, und warum auch nicht? Schließlich hät­ten sie ja „beschei­denere Ansprüche“. Außer­dem sei die Zahl jen­er, die sich zu großen Vir­tu­osin­nen auf­schwin­gen, sehr klein. Die Hofthe­ater braucht­en keineswegs den Anfang mit dem Ein­stellen von Instru­men­tal­istin­nen zu machen. Ein ein­deutiger Befür­worter von Frauen in Orch­estern war er also nicht, aber immer­hin ges­tand er den Frauen zu, dass sie „pflicht­ge­treu, ruhig und unver­drossen“ ihren Beruf ausüben.
Zusam­men mit Volk­er Tim­mer­mann, wis­senschaftlich­er Mitar­beit­er am Sopie-Drinker-Insti­tut für musik­wis­senschaftliche Frauen- und Geschlechter­forschung, legt Freia Hoff­mann, die sich bere­its lange mit dem The­ma Musik­erin­nen, beson­ders mit den Instru­men­tal­istin­nen, beschäftigt (Instru­ment und Kör­p­er, Die musizierende Frau und ihre Wahrnehmung in der bürg­er­lichen Kul­tur 1750 – 1850), hier eine repräsen­ta­tive Quel­len­samm­lung vor, die Grund­satzfra­gen nachge­ht wie: „Darf eine Frau im Orch­ester mitwirken?“, aber auch Fra­gen des Ausse­hens, der „weib­lichen“ Spiel­weise, des Reper­toires, der Aus­bil­dung, der Beruf­s­möglichkeit­en und den Reisen der Musik­erin­nen.
Hoff­mann und Tim­mer­mann verzicht­en auf Kom­mentare und Einord­nun­gen der Quel­len­texte weit­ge­hend, was den Leser zu eige­nen Deu­tun­gen motivieren kann. Die Mehrzahl der 167 zusam­mengestell­ten Doku­mente ist deutsch, ein Teil englisch und ein Teil in franzö­sis­ch­er Sprache mit Über­set­zung. Ein klein­er Wer­mut­stropfen: Eine Lit­er­aturliste fehlt, aber die Lit­er­aturhin­weise kön­nen aus den Fußnoten zusam­mengeklaubt wer­den.
Alles in allem eine empfehlenswerte Lek­türe, vor allem, aber nicht nur für Musik­er, die sich mit der Entwick­lung und dem Entste­hen des Berufs Musik­er beschäfti­gen wollen. Wer das Heute ver­ste­hen will, sollte sich mit dem Gestern befassen. Ver­gan­gen­heit wirkt bis ins Heute hinein.
Vio­la Karl