Fauré, Gabriel

Quatuor à cordes op. 121

hg. von James William Sobaskie, Urtext aus Gabriel Fauré Œuvres Complètes, Partitur/Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2010
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 72

Es ist schon irgend­wie kurios, dass manche Kom­pon­is­ten von Wel­trang nur ein einziges Stre­ichquar­tett oder einen Satz geschrieben haben, während andere in dieser Gat­tung beina­he aufgin­gen. Fast scheint es eine zeit­typ­is­che Eige­nart gewe­sen zu sein – man denke nur an Giuseppe Ver­di, Gus­tav Mahler, Claude Debussy oder Mau­rice Rav­el. Eben­so schrieb Gabriel Fau­ré lediglich ein einziges Qua­tour à cordes, und das erst im hohen Alter, sein let­ztes Werk über­haupt kurz vor seinem Tod im Jahr 1924, welch­es beina­he unvol­len­det geblieben wäre.
Die genauen und kom­plizierten Umstände des Entste­hung­sprozess­es, unter­mauert mit vie­len Zitat­en und den biografis­chen Zusam­men­hän­gen, erläutert aus­führlich und fundiert der Her­aus­ge­ber James William Sobask­ie im Vor­wort des an der wis­senschaftlichen Gesam­taus­gabe (Gabriel Fau­ré Œuvres Com­plètes) sich ori­en­tieren­den Werks. Es waren für ihn wohl die hem­menden Ein­flüsse der Wiener Meis­ter, nicht bere­its schon früher ein Stre­ichquar­tett begonnen zu haben. So schreibt Fau­ré an seine Frau: „In diesem Genre hat Beethoven sich ganz beson­ders aus­geze­ich­net, deshalb haben alle, die nicht Beethoven heißen, davor eine Hei­de­nangst! Saint-Saëns hat­te immer Angst davor und sich darin erst gegen Ende seines Lebens ver­sucht. Es ist ihm nicht gelun­gen wie andere kom­pos­i­torische Gat­tun­gen. Also kannst du dir denken, ob ich mein­er­seits Angst habe.“
Allerd­ings gab es Prob­leme mit der Pub­lika­tion. Es offen­barten sich näm­lich zwis­chen dem Druck, für den Fau­rés „Lieblingss­chüler“ Jean Roger-Ducasse sorgte, und dem gle­ichzeit­ig erschiene­nen Fak­sim­i­le der let­zten Hand­schrift Fau­rés „frap­pierende Diver­gen­zen“, welche auf große Inter­pre­ta­tion­sun­ter­schiede in der Behand­lung des Urtextes hin­deuteten. Daraus ent­stand eine lange Zeit währende, zum Teil scharf geführte, öffentliche Kon­tro­verse, warum die Aus­gabe über­haupt nötig gewe­sen sei, da sie nicht den let­zten Willen des Kom­pon­is­ten reflek­tiere. Ander­er­seits war Fau­ré während der fast ein Jahr dauern­den Kom­po­si­tion oft sehr erschöpft und hat­te zum Ende hin mit ein­er dop­pel­seit­i­gen Lun­genentzün­dung zu kämpfen, dik­tierte seine let­zten Wün­sche das Quar­tett betr­e­f­fend und bes­timmte, „dass man Roger-Ducasse bit­tet, die Satzbeze­ich­nung, Dynamik … anzugeben“. Außer­dem hat­te er ihn um eine „ehrliche Ein­schätzung gebeten“.
Die vor­liegende Edi­tion bricht mit der 80-jähri­gen Tra­di­tion, diesel­ben unko­r­rigierten Druck­plat­ten zu ver­wen­den. Diese Aus­gabe fol­gt dem Urtext-Gedanken und dem Ansin­nen, „der Fas­sung let­zter Hand des Kom­pon­is­ten zu fol­gen“. Bedauer­licher­weise fehlt in der Par­ti­tur ein Kri­tis­ch­er Bericht, aus welchem her­vorge­ht, was orig­i­nal von Fau­ré ist und – wenn möglich – was sein Schüler verän­derte. Die Stim­men sind in gewohnt bester Bären­re­it­er-Qual­ität gedruckt, groß­for­matig und über­sichtlich. Um jedoch das Stim­men­ma­te­r­i­al nicht zu über­fracht­en, sind die dün­nen Durch­stre­ichun­gen als Her­aus­ge­ber-Ergänzung bei den Lega­to­bö­gen und Cres­cendogabeln nur in der Par­ti­tur ken­ntlich gemacht wor­den.
Wern­er Bodendorff