Debussy, Claude / Paul Hindemith / Ludwig van Beethoven

Quatuor à cordes / 4. Streichquartett op. 22 / Streichquartett c‑Moll op. 18,4

Rubrik: CDs
Verlag/Label: En avant records ear 316 442
erschienen in: das Orchester 03/2004 , Seite 85

Das junge Amar-Quar­tett aus der Schweiz, das auf Stradi­vari-Instru­menten spielt, die ihm die Habis­re­utinger-Stiftung aus­geliehen hat, kon­nte sich in bemerkenswert kurz­er Zeit in der Quar­tett-Szene fest etablieren und ist bere­its mit zahlre­ichen Preisen aus­geze­ich­net wor­den. Es hat seinen Namen in Erin­nerung an das
leg­endäre Amar-Quar­tett der 1920er Jahre gewählt, dem kein Gerin­ger­er als Paul Hin­demith als Bratsch­er ange­hörte. Und dem Inter­pre­ta­tion­sstil und der Reper­toire­poli­tik dieses Ensem­bles, dessen Ein­satz für neue und unbekan­nte Musik kaum über­schätzt wer­den kann, fühlt sich das neue Amar-Quar­tett verpflichtet.
Die bei­den ersten CD-Pro­duk­tio­nen demon­stri­eren ein­drucksvoll, dass das Ensem­ble bere­its jet­zt kaum einen Ver­gle­ich zu scheuen braucht; und in der Pro­grammwahl leis­tet es Vor­bildlich­es. Hier eröffnet ein Quar­tett seine Ein­spielun­gen keines­falls – wie es son­st lei­der üblich gewor­den ist – mit jenen eingedrillt stan­dar­d­isierten, ewig gle­ichen „Fünf-Minuten-Webern“-Interpretationen, um schnell zu Haydn und Mozart zu wech­seln, son­dern engagiert sich für ein weites Musik­spek­trum, welch­es einen Ein­druck vom schi­er uner­schöpflichen Reich­tum dieser Gat­tung ver­mit­telt. Es rückt Quar­tette von Hin­demith ins Zen­trum und eröffnet mit schlech­ter­d­ings bril­lanten Auf­nah­men des 4. und 6. Quar­tetts eine Gesamtein­spielung der Quar­tette dieses Kom­pon­is­ten, die Maßstäbe set­zen wird und eine weite Aufmerk­samkeit ver­di­ent hat.
Vor allem die Ein­spielung des 6. Quar­tetts läuft auf eine Ehren­ret­tung dieses etwas ver­nach­läs­sigten Werks hin­aus. Das liegt an einem Inter­pre­ta­tion­skonzept, welch­es die kon­tra­punk­tis­che Dur­char­beitung des musikalis­chen Satzes zur Aus­drucks­d­if­feren­zierung der Musik nutzt: Jede Stimme wird unge­mein plas­tisch artikuliert und dadurch gewin­nt auch der Tut­ti-Klang eine größere Präg­nanz. Die Ein­spielung des 4. Quar­tetts op. 22 beein­druckt beson­ders durch reiche Klangschat­tierun­gen, die jedem Satz ein spez­i­fis­ches Kolorit geben.
Ergänzt wird dieses Pro­gramm durch Werke von Puc­ci­ni, Wolf, Bar­ber, Schul­hoff, Debussy und Beethoven – wahrlich ein Pro­gramm für Lieb­haber und Ken­ner jen­seits der Tram­pelp­fade des öden Ein­er­lei! Die Werke wer­den bei aller spiel­tech­nis­chen Per­fek­tion durch eine Spon­taneität des Musik­machens ver­lebendigt, die berührt, fes­selt und den Hör­er gle­ich­sam in die Musik hineinzieht. Auf die weit­ere Entwick­lung des Amar-Quar­tetts darf man ges­pan­nt sein.
Gisel­her Schubert