Ambroise Thomas

Psyché (Weltersteinspielung)

Hélène Guilmette (Sopran), Michèle Losier (Mezzosopran), Tassis Christoyannis (Bariton), Mercedes Arcuri (Sopran), Antoinette Dennefeld (Mezzosopran), Artavazd Sargsyan (Tenor), Philippe Estèphe (Bariton), Christian Helmer (Bariton), Hungarian National Choir, Hungarian National Philharmonic Orchestra, Ltg. György Vashegyi

Rubrik:
Verlag/Label: Bru Zane
erschienen in: das Orchester 5/2026 , Seite 72

Neben Hector Berlioz’ Großprojekt Les Troyens, seiner Neugestaltung von Glucks Orphée sowie Jacques Offenbachs Travestien Orphée aux enfers sowie La belle Hélène waren antike Stoffe auf den Pariser Bühnen im 19. Jahrhundert durchgehend präsent. Aber ernste Werke mit komischen Zügen verschwanden bald nach ihrer Entstehung. Denn durch die Verbreitung der Werke Wagners und den Siegeszug der sich von der Dialogoper emanzipierenden Operette entstanden schneidende Kontraste zwischen den Kategorien, welche man erst im 20. Jahrhundert zu versöhnen suchte. So gerieten Ambroise Thomas’ Psyché (1857, bearbeitet 1877) nach Apuleius’ Der goldene Esel und Charles Gounods Philémon et Baucis (1860) nach Ovids Metamorphosen in Vergessenheit.
Diese Häufungen waren kein Zufall, sondern Trend und Kalkül: Jules Barbier und Michel Carré hatten für Gounod und Thomas je ein Textbuch nach Goethe, Shakespeare und einem antiken Sujet verfasst. Während sich aber Faust und Roméo et Juliette von Gounod, Mignon und Hamlet von Thomas international etablierten und auch im deutschen Sprachraum längst als eigenständige Kunstschöpfungen anerkannt sind, gab es seit dem 20. Jahrhundert von Philémon et Baucis nur wenige, von Psyché seit der Neufassung mit Rezitativen statt Dialogen überhaupt keine Wiederaufführung.
György Vashegyi nutzt für Psyché seine immense Erfahrung mit französischer Oper des 18. Jahrhunderts. Vashegyi zeigt in der Mischung der Fassungen von 1857 und 1877 eine ausgeglichene Balance zwischen Stileinflüssen der italienischen Oper, Momenten der Leichtigkeit aus der früheren Opéra-comique sowie Ansätzen zu koloristischen Pikanterien. Das Gesangsensemble fügt sich engagiert in das – wie bei Bru Zane üblich – auf akkurate Konturen und dynamische Balance zielende Gesamtvorhaben. Werk und Wiedergabe überraschen mit zahlreichen Aha-Erkenntnissen zum Zeitumfeld von 1860. Interessant wirkt aus Perspektive der Entstehungsjahre die Besetzung des Liebespaares mit Sopran für Prinzessin Psyché (Hélène Guilmette) und Mezzosopran für den hier nicht neckischen, sondern sehr emotionalen Liebesgott Éros (Michèle Losier). Tassis Christoyannis ist als galant-doppelzüngiger Götterbote Mercure nicht ganz so überzeugend wie in anderen Bru-Zane-Projekten. Neben seinem Bariton-Part gibt es in der zweiten Fassung ungewöhnlicherweise keine Tenor-Solopartie. Ein solches Besetzungsexperiment wagte erst wieder Jules Massenet in Cendrillon (1897). Insgesamt gerät Psyché hier zu einem aparten Plädoyer für die spätere Opéra-comique und deren Entwicklung.
Roland Dippel

 

 

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