Nico Dostal

Prinzessin Nofretete

Orchester der Musikalischen Komödie Leipzig, Ltg. Stefan Klingele

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Rondeau
erschienen in: das Orchester 04/2018 , Seite 67

Zwar gibt es keine Göt­ter in der nach der Köl­ner Urauf­führung 1936 im Früh­jahr 2017 erst­mals wieder­aufge­führten Operette Prinzessin Nofretete, aber dafür Gräber und Gelehrte. Die Zuschauer im Saal der Musikalis­chen Komödie Leipzig wur­den Pauschal­touris­ten, die von „MuKo Tours“ auf eine Reise an den schö­nen blauen Nil zu falschen Orakeln, vor allem aber zu gen­re­spez­i­fisch vie­len Flirts und liebevollen Neck­ereien ent­führt wur­den. Das Label Ron­deau, der Mit­teldeutsche und der Bay­erische Rund­funk entschlossen sich schnell zur Wel­ter­stein­spielung.
Anders als die Komis­che Oper Berlin, die sich vor allem der Operetten von im Nation­al­sozial­is­mus ver­fol­gten Autoren und Kom­pon­is­ten annimmt, ste­ht die Musikalis­che Komödie Leipzig zum größeren Wag­nis, näm­lich der Reha­bil­i­tierung sorgfältig aus­gewählter Werke von im NS-Deutsch­land arriv­ierten Werken wie Nico Dostals Prinzessin Nofretete und zulet­zt Eduard Kün­nekes Die große Sün­derin. Die Musikalis­che Komödie deckt mit einem nur kleinen Solis­te­nensem­ble von der Spielop­er Lortz­ings über viel Wiener Operette bis zum Musi­cal alles ab. Diese Viel­seit­igkeit kommt Dostal zugute, den man sich gemein­hin etwas boden­ständi­ger und weniger mondän denkt als etwa Paul Abra­ham (Ball im Savoy).
Chefdiri­gent Ste­fan Klin­gele, der Ent­deck­un­gen vor allem nach musikalis­chem Sinn und Qual­ität ein­fängt, belehrt uns mit dieser Auf­nahme eines Besseren. Dostals kom­positorischer Esprit auf das Textbuch Rudolf Köllers wirkt aus heutiger Per­spek­tive am munter­sten dort, wo er bluffen und kolo­ri­eren kon­nte. Unverkennbar sind hier wie in anderen Operetten seit 1930 zack­ige Märsche immer häu­figer, doch gel­ten sie hier eher ero­tis­chen als mil­itärischen Eroberungs­feld­forschun­gen. Auch wenn er es wahrschein­lich nicht zum „Weibermarsch“-Konkurrenten schaf­fen wird, ist „Ran, ran, ran, junger Mann“ kurz vor der Ohrwurm-Qual­ität. Deshalb dür­fen Orch­ester und Chor lock­end und satt über die Stränge schla­gen: Schmiss und Schneid sind Trumpf.
Für so ein Werk braucht es kein musikalis­ches Spitzenensem­ble, son­dern ein instink­t­sicheres und büh­nenge­wandtes. Damit kann die Musikalis­che Komödie auf hohem Niveau punk­ten: Lil­li Wün­sch­er, die als Reinkar­na­tion von Prinzessin Nofretete im Archäolo­gen­camp um ihre Liebe tak­tiert, bugsiert sich mehr herb als süß aus den Klis­chees ein­er Reich­sop­eretten­di­va in heutiges Attrak­tiv­ität­sap­peal. Radoslaw Rydlews­ki als ihr Lover ver­sucht sich mit seinem sicheren, geschmei­di­gen Tenor gar nicht erst in der Pose eines kleineren oder größeren Garde­of­fiziers. Jef­fery Krueger und Nora Lent­ner sind weit­ere Glan­zlichter dieser Operette, in der es auch modis­che Rhyth­mus-Schwenke, Instru­men­tal­ef­fek­te und immer wieder exo­tis­tis­che Buschtrom­meln gibt. Das liegt natür­lich auch an der musikalisch eher hand­festen Entwick­lung Dostals, die sich genau­so bei Kalman und Abra­ham fest­stellen lässt. Ein Gramm Grob­heit ist sog­ar notwendig bei „MuKo Tours“, wenn diese aus härterem Holz geschnitzte Prinzessin Nofretete nach­haltig reüssieren soll. Das tut sie hier von der ersten bis zur let­zten Spielsekunde.
Roland H. Dip­pel