Mozart, Wolfgang Amadeus (zugeschrieben)

Prager”-Parthia III

in Es-Dur für Bläseroktett KV Anh. C 17.07/C 17.04/KV Anh. B zu 370a, Partitur/Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Aart, Zürich 2002
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 92

Anfang der 1990er Jahre ent­deck­te der Klar­inet­tist und Musik­wis­senschaftler Har­ald Strebel in der Prager Nation­al­bib­lio­thek Kle­mentinum die gebun­dene Abschrift mehrerer Wolf­gang Amadeus Mozart zugeschrieben­er Bläserser­e­naden. In dieser umfan­gre­ichen Samm­lung fan­den sich auch zwei Menuette und zwei Ada­gios wieder, die im Köchel-Verze­ich­nis inner­halb der Abteilung „Zweifel­hafte und unter­schobene Werke, Diver­ti­men­ti für Bläs­er“ seit jeher als zusam­men­hän­gende Ein­heit geführt sind. Im Kom­men­tar wird neben dem fehlen­den Auto­graf auch die ungewöhn­liche, frag­men­tarische Satz­folge als Argu­ment gegen eine Autorschaft Mozarts gew­ertet. Strebel kom­plet­tierte den Tor­so nun mit zwei Sätzen der Prager Samm­lung, zu deren Echtheits­frage er sich in Band 11 der Mozart-Stu­di­en geäußert hat­te, zu einem voll­ständi­gen Diver­ti­men­to.
Bere­its 1995 pub­lizierte das Con­sor­tium Clas­sicum bei Dabring­haus und Grimm eine Tonauf­nahme des erweit­erten und als „Prager“-Parthia benan­nten Werks; nun liegen Par­ti­tur und Stim­men im Druck vor. Bei der von Strebel selb­st her­aus­gegebe­nen Edi­tion des Zürich­er aart-Ver­lags han­delt es sich um eine an der Auf­führung ori­en­tierte Aus­gabe (ein gut geset­ztes Stim­men­ma­te­r­i­al ist im sel­ben Ver­lag erschienen), der aber ein aus­führlich­er Revi­sions­bericht vor­angestellt ist.
Die erwäh­nte Ein­spielung durch das Con­sor­tium Clas­sicum ist bere­its die zweite CD des Ensem­bles mit Mozart zugeschriebe­nen Werken. Und so kann sich der Pri­mar­ius, Dieter Klöck­er, als Musik­er fundiert zur Prob­lematik äußern. Im CD-Book­let resümiert er, dass er bei sein­er Beschäf­ti­gung mit diesen Stück­en „manch­es Mozart-Ähn­liche, jedoch sel­ten wirk­lich Mozart-Eben­bür­tiges“ gespielt habe.
Diese Beobach­tung trifft auch auf die „Prager“-Parthia Es-Dur zu, von deren sechs Sätzen beson­ders der erste dem Salzburg­er Meis­ter Ehre machen würde: Nach ein­er feier­lich-getra­ge­nen Ada­gio-Intro­duk­tion entspin­nt sich aus einem kan­tilen­haften kleinen The­ma der Klar­inette ein wahres Feuer­w­erk melodis­ch­er Erfind­un­gen. Aus dem kom­pak­ten, war­men Bläserk­lang schwin­gen sich immer wieder einzelne Stim­men solis­tisch zu keck­en Girlan­den auf, spie­len sich gegen­seit­ig die The­men zu, führen die Lin­ie fort, die eben von ein­er anderen Stimme begonnen wurde, um sich dann wieder zu kurzen homo­fo­nen Abschnit­ten in schön­ster, fast choralar­tiger Einigkeit zusam­men­zufind­en. Diese kom­pos­i­torische Bril­lanz, die in vielem, vor allem aber in ihrer leicht­en und zugle­ich vir­tu­osen Heit­erkeit an die Ouvertüre zu Così fan tutte erin­nert, erre­ichen die fol­gen­den Sätze indes nicht mehr.
Mozart oder nicht? Inter­pre­ten wie Zuhör­er kön­nen sich bei der Beschäf­ti­gung mit der „Prager“- Parthia diese Frage stellen. Die Urteile wer­den unter­schiedlich aus­fall­en. Zur Bew­er­tung der einzel­nen Sätze muss sich freilich jed­er zunächst ein­mal fra­gen, wie er per­sön­lich das „spez­i­fisch Mozart’sche“ denn über­haupt definiert und wie viel er davon in dieser Kom­po­si­tion wiederzufind­en meint… Und das ist doch eine schöne Art der intellek­tuellen und ästhetis­chen Annäherung an den großen Salzburg­er Meis­ter.
Bernd Distelkamp