Hammerschmidt, Wilke Peter

Potenziale der professionellen Dirigentenausbildung

Eine kritisch-konstruktive Untersuchung am Beispiel Deutschlands und Finnlands, Forum Musikpädagogik, Bd. 88

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wißner, Augsburg 2009
erschienen in: das Orchester 12/2009 , Seite 63

„Dass die kün­st­lerische Erziehung von Orch­ester­musik­ern“ in Deutsch­land „einen hohen Stand erre­icht hat“ und „mehr und mehr her­aus­ra­gende Diri­gen­ten fehlen“, stellte Kurt Masur vor acht Jahren fest; während nach der deutschen Vere­ini­gung ein knappes Fün­f­tel der Kul­tur­orch­ester fusion­iert oder wegra­tional­isiert wurde, stieg die Zahl der Dirigier­stu­den­ten um ein Vier­tel; bei inter­na­tionalen Dirigier­wet­tbe­wer­ben haben sich in den ver­gan­genen Jahren drei Vier­tel der in Helsin­ki Studieren­den und ein knappes Fün­f­tel der in Deutsch­land Studieren­den bewor­ben.
In dem durch solche Infor­ma­tio­nen flankierten Prob­lem­feld bewegt sich die vor­liegende Arbeit, deren Ver­fass­er sich durch langjährige Mitar­beit im Diri­gen­ten­fo­rum des Deutschen Musikrats und gründliche Recherchen in Helsin­ki eine enorme Mate­ri­al­grund­lage besorgt und diese method­isch sauber und anschaulich auf­bere­it­et hat. Er analysiert die ver­schiede­nen, in Deutsch­land stark dif­ferieren­den Aus­bil­dungs­gänge und ‑konzep­tio­nen, befragt Lehrende und Studierende in wohlüber­legter und sta­tis­tis­che Fehlschlüsse auss­chließen­der Weise (die Frage­bo­gen sind im Anhang wiedergegeben), wertet die Ergeb­nisse behut­sam und umsichtig aus und gibt in den let­zten Kapiteln gut fundierte Empfehlun­gen.
Er hat­te mit mehreren Schwierigkeit­en zu tun – ein­er großen, unter diversen Gesicht­spunk­ten aufzuschlüs­sel­nden Mate­ri­alfülle; dem Ver­dacht, ein­er Branche Ratschläge erteilen zu müssen, in der er selb­st nicht tätig ist; und durch­sichtige Sys­tem­atik in einem Bere­ich zu etablieren, der stets neu zu fra­gen Anlass gibt, was lehrbar sei und was nicht. Furtwän­gler hat in einem Gespräch nicht stolz ges­tanden, sich nie über­legt zu haben, was seine linke Hand beim Dirigieren tue.
All dem begeg­net der Ver­fass­er mit jen­er intellek­tuellen Redlichkeit, die ihn, so lange es irgend möglich ist, draußen hält und die Fak­ten für sich sprechen lässt. Demgemäß han­delt es sich bei den abschließend gegebe­nen Empfehlun­gen weniger um solche als um Ergeb­nisse, zu denen die Unter­suchung fol­gerichtig gelangt. Neben­bei gibt sie einen Ein­blick in Sit­u­a­tion und method­is­che Prob­leme des Dirigierun­ter­richts, wie man ihn so genau und umfassend son­st nir­gends bekommt. Selb­stver­ständlich trifft man auf alt­bekan­nte Prob­leme – man­gel­nder Prax­is­bezug, die im Ver­gle­ich mit Helsin­ki gerin­gen Möglichkeit­en, mit Orch­estern zu arbeit­en, über die Musik hin­aus­re­ichende Ken­nt­nisse usw.
Ham­mer­schmidts Diag­nosen gehen übri­gens nicht völ­lig ein­deutig zugun­sten der finnis­chen „Tal­entschmiede“ aus. Dort wie hier hat man mit dem Prob­lem zu tun, dass Diri­gen­ten nie so „fer­tig“ wie Instru­men­tal­is­ten aus der Aus­bil­dung ent­lassen wer­den kön­nen und dass die wün­schbaren Qual­i­fika­tio­nen stets das über­steigen, was eine Hochschule leis­ten kann. So läuft es, wie in den vie­len Dirigi­er-Lehrbüch­ern, auch in dieser vorzüglichen Unter­suchung auf gehäufte Opta­tive hin­aus – „sollte“, „müsste“ usw.
Obgle­ich manche Seit­ene­in­steiger zu wider­legen scheinen, dass eine lehrbare „Gram­matik“ des Dirigierens, ein Grund­vok­ab­u­lar gestis­ch­er Ver­ständi­gung nötig sei, gibt es genug Gründe, für einen u.a. so konkret insti­tu­tio­nen­be­zo­ge­nen Prob­lemkat­a­log dankbar zu sein.
Peter Gülke