Bräm, Thüring

Postcards from Switzerland

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Nepomuk, Aarau 2007
erschienen in: das Orchester 11/2007 , Seite 87

Was gibt man einem Stre­ichquar­tett aus sein­er Schweiz­er Heimat mit auf eine Konz­ert­tournee nach Fer­nost? Der Lands­mann Thüring Bräm hat den Cham­ber Soloists Lucerne für deren Auftritte in Indi­en und Chi­na kurz­er­hand fünf eigens für diese Reise kom­ponierte Post­cards from Switzer­land ins musikalis­che Gepäck gelegt – Klang-Postkarten, die auf wohlbekan­nten Volk­sliedern aus dem Alpen­land basieren und die bestens als musikalis­che Botschafter in fer­nen Kul­turkreisen tau­gen.
Dass der Kom­pon­ist, Päd­a­goge, Schrift­steller und Diri­gent Thüring Bräm ein musikalis­ch­er Prak­tik­er ist, merkt man seinem fün­ften Stre­ichquar­tett – eben diesen Ton-Postkarten aus der Schweiz – ohne Schwierigkeit­en an. Als Hochschullehrer, Kor­repeti­tor und ausüben­der Kün­stler hat der Schweiz­er bere­its viel „Gebrauchsmusik“ im besten Wortsinn geschrieben. Wirkungsvoll, tre­ff­sich­er, klar in der Aus­sage, kon­turen­scharf und unter­halt­sam sind seine fünf Minia­turen, die einem tief­gründi­gen Stre­ichquar­tet­tabend an der richti­gen Stelle neue, ungeah­nte Per­spek­tiv­en eröff­nen. Den Cham­ber Soloists Lucerne dürfte auf ihrer Asien­tournee 2005 der Beifall sich­er gewe­sen sein.
Thüring Bräm spielt in seinen Werken gerne mit den Begrif­f­en Raum und Zeit. Die fünf Postkarten-Sätze apos­tro­phiert er in seinem Vor­wort zur im Aarauer Nepo­muk-Ver­lag erschiene­nen Note­naus­gabe als „Postkarten in der Zeit“ – sie beleucht­en gle­ich­sam einen kurzen Auss­chnitt aus der Lebens­dauer der zugrunde liegen­den Volk­slieder, ver­suchen eine bes­timmte Wirkung für die konz­er­tante Auf­führung festzuhal­ten. Der Text geht bei der Umset­zung mit einem Stre­ichquar­tett zwar ver­loren, doch ges­tat­tet sich der Kom­pon­ist mit instru­men­tal­en Mit­teln eine Ausweitung oder auch Kom­men­tierung der Lied­botschaften.
Die fünf Post­cards from Switzer­land sind dabei wed­er kopflastig noch überze­ich­net. Bräms Werk ist eine prag­ma­tis­che, musikan­tis­che Bear­beitung und Para­phrase der in der Schweiz bestens bekan­nten Melo­di­en wie Dor­ma bain, L’inverno è pas­sato oder Là-haut sur la mon­tagne. Der Kom­pon­ist spielt mit den Stim­mungen der Lieder, mon­tiert kon­trastierende Klang­ef­fek­te in die voll­grif­fig für Stre­ichquar­tett geset­zten Orig­i­nale und schafft so in der Tat auf kleinem, qua­si postkarten­großem Raum Klang­bilder mit viel Tiefen­schärfe.
Von den vier Aus­führen­den erwartet Thüring Bräm eine solide Tech­nik, klan­glich­es Zupack­en und ein kon­turen­re­ich­es Zusam­men­spiel für sein Werk. Zurück gibt er den bei­den Vio­li­nen, der Bratsche und dem Cel­lo fünf lebendi­ge Minia­turen, die bei entsprechend pointiert­er Aus­führung beina­he jedes Pub­likum begeis­tern dürften. So kurz die fünf Postkarten-Sätze für Stre­ichquar­tett auch sein mögen, so nach­haltig ist ihre musikalis­che Wirkung – nicht nur im fer­nen Asien.
Daniel Knödler