Piontek, Frank

Plädoyer für einen Zauberer

Richard Wagner: Quellen, Folgen und Figuren

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dohr, Köln 2006
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 84

Das Buch, so sehr es vom äußeren Umfang her nach ein­er Wag­n­er-Mono­grafie aussieht, ist doch „nur“ eine Samm­lung von Einzel­tex­ten. Der Ver­fass­er legt seine gesam­melten Werke vor: 70 Texte zu Richard Wag­n­er. Das meiste entstammt den Fest­spiel­nachricht­en, die der Nord­bay­erische Kuri­er alljährlich zu den Bayreuther Fest­spie­len her­aus­gibt. Es sind über­wiegend Miszellen, nur wenige Texte sind länger als 20 Druck­seit­en. „In der Kürze liegt die Würze“, möchte man sagen, und es ver­hält sich tat­säch­lich so. Pio­ntek ver­ste­ht es, auf engem Raum Tre­f­fend­es zu for­mulieren, in knap­per Form Wesentlich­es darzustellen. Auch im Inneren sind die Texte über­aus unter­schiedlich. Die einen näh­ern sich dem wis­senschaftlichen Auf­satz, andere sind das, was man früher Cause­rien nan­nte; die „Ver­di-Wag­n­er-Col­lage“ mit der Über­schrift „Er ist ver­rückt!!!“ ist ein kleines The­ater­stück.
Im Mit­telpunkt ste­ht Wag­n­ers Werk, das hier aber nicht nur auf den Bayreuther Kanon vom Fliegen­den Hol­län­der bis zum Par­si­fal beschränkt ist, son­dern auch das Früh- und Neben­werk anhand aus­gewählter Beispiele beleuchtet. Das ist nicht genug zu loben, da Wag­n­er-Biografen und ‑exegeten gern so tun, als gäbe es neben den Bayreuth-Opern nichts anderes. Neben dem Großkapi­tel „Das Werk“ ste­hen vier kleinere Sek­tio­nen, die mit „Wag­n­er-Vari­a­tio­nen“, „Ein König und eini-ge Kol­le­gen“, „Zusam­men­hänge“ und „Wilder West­en“ über­schrieben sind. Die erste befasst sich mit The­men wie „Wag­n­er liest Dante“ oder „Wag­n­er und die Medi­en­tech­nik“, in der zweit­en find­et man naturgemäß eine „Skizze zu Lud­wig II.“, aber auch Texte über „Carl Got­tlieb Reißiger“ oder „Franz Kaf­ka als Wag­ne­r­i­an­er“.
In „Zusam­men­hänge“ geht es um Beziehun­gen von Wag­n­ers Musik zu Werken ander­er Kom­pon­is­ten wie Bruck­n­er, Dvor?ák, Tschaikowsky und Mahler. Die vierte Sek­tion schließlich rei­ht Divers­es aneinan­der, hier trifft man auf „Wag­n­er im wilden West­en. Sun­dance Kid als Wag­ne­r­i­an­er“ oder einen Text über „Das Junker-Haus in Lem­go“. Beson­ders dieser let­zt­ge­nan­nte Text erscheint symp­to­ma­tisch für Pio­nteks Umgang mit seinem The­ma. Der Text han­delt von dem Holzschnitzer Karl Junker (1850–1912), der die wag­n­er­sche Vorstel­lung vom Gesamtkunst­werk in radikaler Weise für sich zu ver­wirk­lichen suchte.
Pio­ntek zeigt, dass eine Ran­der­schei­n­ung wie diese erhel­len­des Licht auf Wag­n­er wer­fen kann, und der beson­dere Reiz seines Buchs liegt ger­ade darin, dass es im Mar­ginalen Wesentlich­es zu ent­deck­en weiß. Dass es gar nicht erst den Ver­such macht, den „ganzen“ Wag­n­er zu erfassen, berührt sym­pa­thisch; denn diese Nagel­probe beste­ht heute nie­mand mehr, weil die Fülle des Über­liefer­ten für den Einzel­nen nicht mehr zu bewälti­gen ist. Einen schw­er­wiegen­den Man­gel hat das Buch jedoch: ihm fehlt ein Reg­is­ter, das man bei einem so geart­eten Werk benötigt, nicht zulet­zt, um all seine Facetten wahrnehmen zu kön­nen.
Egon Voss