Grétry, André Modeste

Pierre Le Grand

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: ArtHaus DVD 101 097
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 88

Das Motiv des unerkan­nt unter seinen Unter­ta­nen umherge­hen­den Herrsch­ers und das Motiv des zu höch­sten Ehren erhobe­nen Mäd­chens aus dem Volke war ein­er der beliebten Komö­di­en­stoffe der Spä­taufk­lärung. Es find­et sich sog­ar noch in Lortz­ings Zar und Zim­mer­mann. Schon André Mod­este Grétry hat gemein­sam mit Jean-Nico­las Bouil­ly – gespickt mit tage­sak­tuellen Anspielun­gen – 1790 Pierre le Grand an der Opéra comique her­aus­ge­bracht. Anders als in Donizettis Borg­amostro di Saar­dam und Lortz­ings Zar und Zim­mer­mann spielt die Oper bei Grétry in Rus­s­land: Peter der Große (mit dem Lud­wig XVI. gemeint war) wird als mustergültiger Herrsch­er gezeigt, der selb­st Hand anlegt, anstatt wie andere Könige das Staatsver­mö­gen auf dem Thron zu ver­prassen. Zim­mer­leute bauen das erste Schiff auf rus­sis­chem Boden unter Leitung ihres Kaisers.
Bouil­ly lässt die Dör­fler Dialekt sprechen, und zwar den der Nor­mandie, die als beson­ders königstreu galt. Die Lehre des Stücks an die Herrsch­er hieß, ihre Auf­gabe ver­ant­wor­tungsvoll zu erfüllen; an das auf­ständis­che Volk, sich seinem Her­rn und Lan­des­vater gehor­sam zu erweisen. Der Glaube an patri­ar­chalis­che Hier­ar­chien beseelt das Stück, ein­fache Melo­di­en brin­gen diesen Glauben zum zauber­haften Erklin­gen. „Ein from­mer Wun­sch aus dem Geist der Aufk­lärung“, wie der kluge Boris Kehrmann im außergewöhn­lich auf­schlussre­ichen Book­let der DVD bemerkt.
Anlässlich des Jubiläums der Stadt­grün­dung von St. Peters­burg vor 300 Jahren hat die Moskauer Helikon-Oper die Komödie in drei Akten aus­ge­graben, stark ger­afft und in der zweit­en Fas­sung der Oper (franzö­sisch gesun­gen mit rus­sis­chen Dialo­gen) her­aus­ge­bracht. Es ist eine, mit Ver­laub gesagt, sehr kon­ven­tionelle Insze­nierung in „his­torischen“ Kostü­men vor mar­iti­men Bildern: barocke Kostüme, gemalte Segelschiffe, Klet­terg­erüste, kon­ven­tionelle Gesten und Gänge auf dem Niveau ein­er Off-Szenen-Pro­duk­tion. Der Regis­seur nimmt in eini­gen Anspielun­gen Bezug auf das ide­al­isierte Bild, das von der Stadt­grün­dung im Laufe der Jahrhun­derte ent­wor­fen wurde – vor allem in der Schlussszene, wenn Peter zum Denkmal sein­er selb­st erstar­rt: zum „ehernen Reit­er“, den Katha­ri­na die Große erricht­en ließ.
Die Pro­duk­tion ist wed­er sehens- noch hörenswert, obgle­ich manche nette Stimme singt und Chor und Orch­ester der Helikon Oper unter Sergey Stadler ihr Bestes geben. Wenn die Wieder­begeg­nung mit diesem Werk ein­er Offen­barung gle­ichkommt, dann nur des Book­let-Texts von Boris Kehrmann wegen, der die Entste­hungs­geschichte und Bedeu­tung des Stücks wis­senschaftlich akribisch recher­chiert hat und das an Infor­ma­tio­nen nach­liefert, was auch die besten Nach­schlagew­erke unter­schla­gen, auss­paren oder unzure­ichend darstellen. Das Stück ist famos. So absurd es klingt: Man ver­dankt diese Ein­sicht nur dem Book­let, das in diesem Fall lohnen­der ist als die doku­men­tierte Auf­führung.
Dieter David Scholz