Werke von Levente Gyöngyösi, Gert Wilden, Franco Donatoni und anderen

Piccolo Works

Natalie Schwaabe (Piccolo und Flöte), Jan Philip Schulze (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Métier MSV 28562
erschienen in: das Orchester 07-08/2017 , Seite 72

Über Bratschis­ten kur­sieren zahllose Witze. Die sind nicht immer schme­ichel­haft, aber: Die Pic­coloflöte kommt weitaus schlechter weg. Nicht sel­ten wird das Instru­ment als „AK-47 des Sin­fonieorch­esters“ beze­ich­net, eine Kalaschnikow. Oder als „kreis­chen­der Ast“.
Dass die Pic­coloflöte ganz im Gegen­teil zu nuan­cen­re­ichen Far­bge­bun­gen und Aus­drück­en fähig ist, zeigt die CD von Natal­ie Schwaa­be. Es ist abso­lut hörenswert, welche kun­stvollen Dif­feren­zierun­gen die Flötistin dem Instru­ment zu ent­lock­en ver­mag. Selb­st in der Sonate des 1975 gebore­nen Ungarn Lev­ente Gyöngyösi aus dem Jahr 2007, die im ersten und let­zten Satz vielfach das höch­ste Reg­is­ter betont, überdies stac­ca­tor­e­ich und markant, klingt nichts schrill oder grell. Alles ist gesan­glich gestal­tet.
Seit 1996 wirkt Schwaabe im Sym­phonieorch­ester des Bay­erischen Rund­funks. Zuvor startete sie ihre Orch­ester­lauf­bahn 1991 als Soloflötistin bei den Münch­n­er Sym­phonikern, bis sie 1993 zum Münch­n­er Rund­funko­rch­ester (MRO) wech­selte. Dabei hat sie sich ger­ade auch um die zeit­genös­sis­che Musik ver­di­ent gemacht, weshalb Schwaabe von Hans Wern­er Hen­ze sowohl zu seinem Fes­ti­val in Mon­tepul­ciano ein­ge­laden wurde als auch zur Münch­en­er Bien­nale für neues Musik­the­ater.
Auch auf dieser CD pflegt sie mit dem Pianis­ten Jan Philip Schulze die Musik des 20. und 21. Jahrhun­derts. Mit Fran­co Dona­toni ist ein Großmeis­ter der Mod­erne vertreten, wobei dessen solis­tis­che Nidi: Due pezzi zwis­chen stiller Reduk­tion und raf­finiert­er Klan­gak­tion chang­iert.
Bemerkenswert auch das Two and a half piece des 1954 gebore­nen Gert Wilden: Zu Beginn und am Ende spielt die Pic­coloflöte in den Kor­pus des Flügels, was uner­hörte Nach­hall­wirkun­gen erzeugt. Während Gyöngyösi der Bartók-Kodá­ly-Folk­lore nach­spürt, inter­essiert sich Mike Mow­er, bekan­nt auch als Arrangeur der Big Bands der BBC und des NDR, für die Verbindung von Jaz­zhaftem und Neok­las­sizis­mus: ähn­lich wie Bohuslav Mar­t­inu. Auch lit­er­arische Reflex­io­nen sind vertreten. So fußt Huit ili­um des Nor­wegers Jan Erik Mikalsen auf dem Anti-Kriegsro­man Slaugh­ter­house-Five or Children’s Cru­sade von 1969: ein aus­drucks­ge­waltiges, höchst inten­sives Solostück.
Dage­gen hat MRO-Solo­hor­nist Franz Kane­fzky 2008 für Schwaabe den Rat­ten­fänger von Hameln zu
einem Instru­men­tal­spiel mit Rez­i­ta­tion ver­ar­beit­et: bestens geeignet auch für Fam­i­lien mit Kindern oder Senioren. Zwei Jahre zuvor hat Derek Charke, Jahrgang 1974, das Lachry­mosa für Solo-Pic­co­lo geschaf­fen, eine Würdi­gung zum Mozart-Jahr 2006, zumal das Werk auf dessen unvol­len­detes Requiem anspielt. Ähn­lich wie das Lachry­mosa Mozarts jäh abbricht, ver­liert sich das Spiel zuse­hends in end­losen Dreik­län­gen. Wie im Rat­ten­fänger wird überdies auch hier die Stimme einge­set­zt. Unterm Spiel summt die Flötistin, ein wel­tentrückt lichter Abschluss ein­er durch­wegs span­nen­den CD.
Mar­co Frei