Mendelssohn Bartholdy, Felix

Piano Quartet op. 3/Piano Sextet op. 110

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 10166
erschienen in: das Orchester 07-08/2010 , Seite 65

Bei kaum einem anderen Kom­pon­is­ten ver­schmelzen die Kam­mer­musik und das konz­er­tante Ele­ment so kon­se­quent und so überzeu­gend wie bei Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit gutem Recht kön­nte man sein früh­es Klavier­sex­tett auch als Klavierkonz­ert beze­ich­nen. Und auch die eher dun­kle Stre­icherbe­set­zung mit Vio­line, zwei Bratschen, Vio­lon­cel­lo und Kon­tra­bass macht es dem Klavier recht leicht, seine klan­gliche und stimm­liche Dom­i­nanz zu behaupten.
Während die zwei Mit­tel­sätze – ein dezentes, durch­sichtiges Ada­gio und ein sehr knappes, leicht­es Menuett – eher Inter­mez­zo-Charak­ter haben, spielt sich die musikalis­che Hand­lung dieses Sex­tetts im reichen Fig­uren­werk, im bril­lanten Konz­ertieren der Eck­sätze ab. Das Klavier beein­druckt mit funkel­nden Pas­sagen und leicht­gängiger Bewe­gung. Don­ald Sulzen wird dem konz­er­tan­ten Ansatz des Werks in jed­er Hin­sicht gerecht – unter­stützt von seinen bei­den Mit­stre­it­ern des Münch­n­er Klavier­trios und Tilo Widen­may­er, Ruth Ele­na Schin­del und Alexan­der Rilling, die die bei­den Bratschen­parts und die Kon­tra­bassstimme über­nom­men haben.
Haupt- und Eröff­nungswerk der vor­liegen­den CD ist allerd­ings Felix Mendelssohn Bartholdys drittes Klavierquar­tett in h‑Moll – enstanden noch vor Vol­len­dung des 16. Leben­s­jahres des Kom­pon­is­ten. Don­ald Sulzen, Michael Arlt, Ger­hard Zank und Tilo Widen­may­er benöti­gen in ihrer Inter­pre­ta­tion ein ganz klein wenig Anlaufzeit, bevor das musikalis­che Miteinan­der rest­los überzeugt. Gewiss ist bere­its der Kopf­satz gut durch­struk­turi­ert und sehr trans­par­ent angelegt. Jedoch hätte schon das eröff­nende Alle­gro molto etwas von dem Schwung ver­tra­gen, der später das Finale so glänzen lässt. Das fol­gende Andante ist schlicht emp­fun­den, ohne große Schnörkel wiedergegeben und wirkt in sein­er lin­earen Struk­tur sehr über­sichtlich.
Nach­dem im drit­ten Satz unter der dur­chaus stren­gen und kon­tra­punk­tis­chen Ober­fläche schon ein­mal etwas Vir­tu­osität durch­schim­mern darf, entwick­elt sich das Finale ger­adezu zum musikalis­chen Zen­trum des gesamten Quar­tetts. Es nimmt nicht nur von der reinen Spiel­d­auer her den größten Raum ein, son­dern beein­druckt in der Inter­pre­ta­tion des Münch­n­er Klavier­trios mit höch­ster kam­mer­musikalis­ch­er Diszi­plin, funkel­nder Spiel­freude und einem ansteck­enden Vor­wärts­drang. Don­ald Sulzen führt seine drei Mit­stre­it­er hier zu einem akzen­tre­ichen Miteinan­der, das den groß­for­mati­gen Satz gut struk­turi­ert und äußert über­sichtlich erscheinen lässt.
Eine gut durch­hör­bare Auf­nah­me­tech­nik, die genü­gend Raumwirkung zulässt, unter­stützt die Inter­pre­ta­tio­nen der sechs Münch­n­er Musik­er vortr­e­f­flich und macht den vor­liegen­den Livemitschnitt zu einem überzeu­gen­den Aus­flug in das frühe Kam­mer­musikschaf­fen Felix Mendelssohns.
Daniel Knödler