Beethoven, Ludwig van

Piano Concerto No. 3

Six Cadenzas: Beethoven, Moscheles/Brahms, Alkan, Schulhoff, Ullmann, Rische

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Arte Nova 82876 82586 2
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 81

Wie viele Kaden­zen zum drit­ten Klavierkonz­ert von Beethoven bis zur Stunde gespielt wor­den sind, ist gewiss nicht zu ermessen, da viele wohl im Augen­blick impro­visiert bzw. nicht niedergeschrieben wur­den. Über­liefert sind über 20 Ver­sio­nen, wobei im heuti­gen Konzertleben meis­tens Beethovens eigene gespielt wird. Diese Entschei­dung ver­heißt die größt­mögliche Authen­tiz­ität und stilis­tis­che Ein­heit.
Doch das sind Kri­te­rien, die erst im Laufe der Auf­führungs­geschichte bedeut­sam gewor­den sind. Im 19. und frühen 20. Jahrhun­dert wurde die Kadenz gerne auch als Gele­gen­heit genutzt, Beethovens motivis­ches und the­ma­tis­ches Mate­r­i­al mit dem Stilide­al der eige­nen Zeit zu beleucht­en. Wie das klin­gen kann, belegt eine auf­schlussre­iche und span­nende Neuauf­nahme des Werks mit dem Pianis­ten Michael Rische und dem Deutschen Sym­phonie-Orch­ester Berlin unter Leitung des Aach­en­er Gen­eral­musikdi­rek­tors Mar­cus Bosch. Hier wer­den gle­ich sechs ver­schiedene Kaden­zen zur Auswahl ange­boten. Auch der Über­gang in die Coda und diese selb­st wer­den sechs Mal gespielt. Rische vari­iert den Moment des Wiedere­in­tritts des Orch­esters dabei je nach Ver­fas­sung der betr­e­f­fend­en Kadenz. Der Kom­pon­ist lasse, so der Pianist in seinem sehr instruk­tiv­en Text im Book­let, den Solis­ten in der Kadenz „aufs Neue mit den alten Baustellen spie­len“.
Wie Beethoven selb­st das macht, ist ein­schlägig bekan­nt. Ignaz Moscheles tut es in der lange Zeit Brahms zugeschriebe­nen Kadenz mit der Pranke des roman­tis­chen Vir­tu­osen. In sein­er aus­gedehn­ten Kadenz geht Charles Valentin Alkan weit über das Mate­r­i­al des Konz­erts hin­aus und zitiert Motive aus Beethovens fün­fter Sym­phonie. Das ist mehr eine Para­phrase über Beethoven in c‑Moll als eine Konz­ertkadenz.
In die Grenzbere­iche der spätro­man­tis­chen Har­monie führt die Kadenz von Erwin Schul­hoff, während Vik­tor Ull­manns durch ihre Klarheit und ihr inniges Beken­nt­nis zu Beethovens The­matik aus­geze­ich­net ist. Michael Rische selb­st greift Mit­tel der Avant­garde auf, sucht die direk­te Verbindung zur Gegen­wart.
Sein Spiel ist in allen sechs Kaden­zen deut­lich struk­turi­ert und aus­drucksvoll akzen­tu­iert. Das gilt auch für seine Inter­pre­ta­tion des „eigentlichen Konz­erts“, die klare Kon­turen und einen weit ges­pan­nten Aus­druck­sra­dius hat. Rische überzeugt durch schlüs­sige Dis­po­si­tion und einen über­lege­nen Blick auf Beethovens Par­ti­tur, was einen opti­malen „Rah­men“ für alle sechs Kaden­zen abgibt. Innig und feingliedrig spielt er das Largo, impul­siv und feurig das Finale. Die C‑Dur-Coda hat Bril­lanz und mitreißen­den Elan. Nicht nur hier überzeugt das
energiege­ladene und trans­par­ente Spiel des DSO unter Mar­cus Bosch, der einen elastis­chen und rhyth­misch präg­nan­ten Beethoven dirigiert.
Karl Georg Berg