Brahms, Johannes

Piano Concerto No. 1 / Piano Quartet No. 1

Europa-Konzert 2004, Bonus-Film: The European Concert in Olympic Athens

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: EuroArts 2053659
erschienen in: das Orchester 02/2006 , Seite 89

„Siehgst, dös is a Sym­phoni­ethe­ma“, quit­tierte Anton Bruck­n­er das markant-wuchtige Ein­gangs­the­ma von Johann Brahms’ d‑Moll-Klavierkonz­ert op. 15, als er das zwit­trige Werk in Wien hörte. Mit sein­er wüh­len­den Inbrun­st, dem gle­ich­berechtigten Dia­log von Solist und Orch­ester präsen­tiert es sich ger­adezu als ein Sym­phoniekonz­ert von Charak­ter und höch­ster Schwierigkeit, pen­del­nd zwis­chen Lei­den­schaft und Lyrik. So haben es Sir Simon Rat­tle und „seine“ Berlin­er Phil­har­moniker auch ein­studiert, um damit vor der prächti­gen Kulisse des The­aters des Herodes Atti­cus am Fuße der Athen­er Akropo­lis erst­mals gemein­sam ein Europakonz­ert zu geben. Als Drit­ter im Bunde sorgt Pianist Daniel Baren­boim, der den Phil­har­monikern seit Jahrzehn­ten kün­st­lerisch ver­bun­den ist und hier in Athen auch zum ersten Mal unter Sir Simon auftritt, für eine über­aus bemerkenswerte Auf­führung unter dem „Par­tyzelt“ im Freien.
Während der lan­gen Orch­esterein­leitung fährt die Kam­era übers weite Rund, um die nötige (Ein-) Stim­mung zu ver­mit­teln. Nah ver­weilt sie immer wieder bei Sir Simon und dessen hochkonzen­tri­ertem Mienen­spiel. Bers­tend vor Lei­den­schaft stachelt er die Musik­er an, um danach dem Solis­ten den lyrischen Ein­stieg sozusagen wie auf dem Tablett zu servieren. Von ihm kom­men allerd­ings keine pianis­tis­chen Offen­barun­gen, eher solide Tas­te­nar­beit­en – jedoch ein totales Ein­vernehmen über das gemein­sam Gewollte. Statt roman­tis­chen Über­schwangs find­et sich bei bei­den Kün­stlern ein Gespür fürs Drama­tis­che, für ein mon­u­men­tal-hero­is­ches Ineinan­der­wühlen. Poet­is­che Pas­sagen erzählt Daniel Baren­boim dabei voller Empfind­en.
Auch das Ada­gio lebt von der kollek­tiv her­beimu­sizierten Innigkeit voller berück­end schön­er Töne. Aus­ge­lassen tollt das Ron­do vorüber, sehr dif­feren­ziert im Anschlag des Pianis­ten, dessen Gesicht und tas­ten­tanzende Fin­ger dabei immer wieder ins Bild kom­men. Der phil­har­monis­che Edel­glanz mit seinen berück­enden Bläserde­tails ist trotz freiluftig-akustis­ch­er Trock­en­heit aus­geze­ich­net einge­fan­gen. Und man sieht, wie Rat­tle den Klang aus den Musik­ern gle­ich­sam her­aus­saugt. Die Kör­per­lichkeit des Klangs, hier wird sie zur erfahrbaren Qual­itäts­größe. Dann strahlt der Mae­stro wie die athenis­che Sonne.
Was sich in Brahms’ Klavierquar­tett Nr. 1 g‑Moll op. 25, von Arnold Schön­berg 1937 für Orch­ester geset­zt, abspielt, wird von den Berlin­er Phil­har­monikern mit der Meis­ter­schaft eines Graveurs nachgeze­ich­net. Trotz sin­fonis­chen Großaufge­bots ist die Durch­hör­barkeit enorm, sodass man in dieser Orch­ester­bear­beitung „endlich ein­mal alles hört, was in der (Brahms-)Partitur ste­ht“ (Schön­berg). Obwohl vom Klavier weit und bre­it nichts zu hören ist, scheint es den­noch fast all­ge­gen­wär­tig. Immer bleibt der bre­it strö­mende oder lei­den­schafts­be­wegte Melo­di­en­fluss in brahmss­ch­er Fas­son, hört sich das Zige­uner­ische (des Ron­dos) als zün­den­der Mix aus Sen­ti­ment und Rhyth­mus­feuer an. Ein mit Ova­tio­nen gefeiertes, live­haftiges Erleb­nis.
Peter Buske