Othegraven, August von

Phantasie

Quartett für Violine, Bratsche, Cello und Klavier, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Tonger, Köln 2005
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 77

Als Kom­pon­ist haupt­säch­lich von Män­ner­chor­liedern, als Bear­beit­er von Volk­sliedern und als königlich­er Pro­fes­sor am Kon­ser­va­to­ri­um bzw. an der Musikhochschule in Köln ist August von Oth­e­graven kein Unbekan­nter. Ins­beson­dere Sängern ist der 1946 ver­stor­bene Kom­pon­ist wegen der Oth­e­graven-Plakette, welche für beson­dere Leis­tun­gen auf dem Gebi­et des Gesangs ver­liehen wird, bis heute im Gedächt­nis. Der Blick ins Werkverze­ich­nis von Bert Voss offen­bart jedoch Oth­e­gravens große musikalis­che Flex­i­bil­ität: So kom­ponierte er u.a. Opern, Werke für großes Orch­ester, haupt­säch­lich mit Chor, zahlre­iche Kan­tat­en und ver­fasste auch einige Beiträge über das Volk­slied. Lei­der sind viele sein­er Werke durch Krieg­sein­wirkun­gen für immer ver­loren.
Erst vor kurzem wurde zufäl­lig in Bad Kohlgrub bei Garmisch-Partenkirchen, wo sich von Oth­e­graven öfter aufge­hal­ten hat­te, ein zweisätziges Werk für Vio­line, Bratsche, Vio­lon­cel­lo und Klavier ent­deckt, das den Titel Phan­tasie trug. Die Par­ti­turab­schrift trägt das Datum des 10. Juli 1891, die Stim­men weisen Gebrauchsspuren und Kor­rek­turen auf, die ver­mut­lich von einem gemein­samen Spiel zeu­gen.
Der erste Satz, über­schrieben mit „sehr langsam“, fol­gt nicht der nach und nach in dieser Zeit ausster­ben­den Sonaten­satz­form, son­dern ist dre­it­eilig mit leb­haftem Mit­tel­teil und ein­er fast verk­lärend-kon­tem­pla­tiv­en, noch langsamer zu spie­len­den Coda. Ein eingängiges The­ma, einge­bet­tet in e‑Moll, das zu Beginn die Bratsche vorstellt, durchzieht wie ein rot­er Faden den gesamten Satz. Mit 216 Tak­ten und etwa 16 Minuten Dauer besitzt er roman­tis­che Län­gen. Ein kräftiges und markantes, aber ungewöhn­lich­es „Recita­tiv“ für Klavier solo ste­ht dem let­zten Satz voran. Dieser ist das genaue Gegen­teil des Ein­gangssatzes: „Ziem­lich schnell, mit Kraft und Feuer“ über­schrieben, mit eini­gen kurzen ritardieren­den, gedanklich innehal­tenden Tak­ten. Danach stürmt das Klavier weit­er, die Stre­ich­er fol­gen nach und nach, ohne aber in ein strenges Fuga­to zu ver­fall­en. Zum Schluss zu beschle­u­nigt der etwa zehn­minütige Satz weit­er, um dann in ein­er Art Apoth­e­ose „sehr bre­it und wuchtig“ im for­tis­si­mo fast orch­ester­mäßig auf dem Ton e zu enden.
August von Oth­e­gravens Stil ist ins­ge­samt recht eigen­willig, eine spätro­man­tis­che Mis­chung aus Johannes Brahms und dem mit­tleren Richard Strauss, mit dem von Oth­e­graven das Geburt­s­jahr teilt. Inwieweit seine Kom­po­si­tion­slehrer Fer­di­nand Hiller und Joseph Rhein­berg­er noch Ein­fluss auf diese Kom­po­si­tion genom­men hat­ten, lässt sich schw­er sagen. Ins­ge­samt den­noch ein nicht unin­ter­es­santes kam­mer­musikalis­ches Werk, das der Köl­ner Ver­lag Tonger hier vor­legt.
Druck und Lay­out sind sauber und gestochen scharf, jedoch kön­nte das For­mat etwas größer als DIN A 4 aus­fall­en, wenn auch die Her­stel­lung dadurch etwas teur­er sein würde.
Wern­er Bodendorff