Strawinsky, Igor

Perséphone

Live recording 1960

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Audite 95.619
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 72

Fritz Wun­der­lich, der Jahrhun­dert-Tenor – im Sep­tem­ber 2010 wäre er achtzig Jahre alt gewor­den, und noch immer tauchen bis­lang unveröf­fentlichte, wertvolle Doku­mente sein­er unver­gle­ich­lichen Gesangskun­st auf. Dazu zählt etwa ein Livemitschnitt von Mahlers Lied von der Erde unter Josef Krips aus Wien (Deutsche Gram­mophon) sowie alle möglichen Auf­nah­men aus Rund­funkarchiv­en.
Einen beson­deren Stel­len­wert erhält zweifel­sohne die vor­liegende Aufze­ich­nung eines Konz­erts mit Straw­in­skys Melo­dra­ma Per­sé­phone, das am 11. Novem­ber 1960 in Frank­furt stat­tfand. Und dies gle­ich in mehrfach­er Hin­sicht: Zum einen sang Wun­der­lich die Tenor­par­tie dieses Werks nur dieses eine Mal, zum anderen zählt Per­sé­phone bis zum heuti­gen Tag zu den real­tiv unbekan­nten und sel­ten gespiel­ten Kom­po­si­tio­nen Straw­in­skys. Hinzu kommt, dass von Fritz Wun­der­lich als Inter­pret zeit­genös­sis­ch­er Musik nur sehr wenige Ton­doku­mente vor­liegen – obwohl er sich Zeit sein­er Kar­riere sehr für sie ein­set­zte –, und zu guter Let­zt ist auch Dean Dixon, der erste schwarze Chefdiri­gent eines deutschen Orch­esters, heute im Bewusst­sein der Öffentlichkeit kaum noch präsent. Als die Auf­führung der Per­sé­phone stat­tfand, war bere­its entsch­ieden, dass Dixon das Sin­fonie-Orch­ester des Hes­sis­chen Rund­funks leit­en sollte – was er dann ab 1961 immer­hin 13 Jahre lang tat.
Die Tenor­par­tie der Per­sé­phone ist wie geschaf­fen für Wun­der­lichs helle, klare, lyrische Stimme – ein tre­f­fend­er Zufall, dass der Name dieser Rolle, Eumolpius, auf Deutsch so viel bedeutet wie „der schön Sin­gende“. In seinem 1934 uraufge­führten Melo­dra­ma nach einem Text von André Gide hat­te Straw­in­sky seine Ton­sprache von allen Bar­baris­men und klan­glichen Härten gere­inigt; Ergeb­nis ist ein fast durchge­hend ruhiges, beina­he pastell­far­benes Werk von großer inner­er Gelassen­heit. Der Man­gel an Kon­trasten kön­nte in eini­gen Pas­sagen zur Lan­gat­migkeit führen – eine Gefahr, die in der vor­liegen­den Auf­führung durch die exzep­tionelle Qual­ität aller Beteiligten geban­nt ist. Wun­der­lich zeigt sich – mit opti­maler Textver­ständlichkeit, sen­si­bler Stimm­führung und klan­glichem Schmelz – auf der Höhe sein­er Kun­st.
Als seine Part­ner­in in der Rolle der Per­sé­phone agiert die Schaus­pielerin Doris Schade. Straw­in­sky hat­te diese Par­tie als Sprechrolle für Ida Rubin­stein konzip­iert. Dass sich Dean Dixon für eine deutsche Fas­sung des Werks entsch­ied, macht Sinn – vor allem, wenn der Text mit solch pack­ender Emphase gestal­tet wird wie von Schade. Heute würde man in dieser Par­tie vielle­icht andere Töne anschla­gen – zurück­hal­tendere, weniger theat­ralische –, doch als Doku­ment ist die Zusammen­arbeit von Wun­der­lich, Schade und Dixon von großer Fasz­i­na­tion. Bleibt abschließend zu erwäh­nen, dass die Ton­tech­nik wahre Wun­derdinge geleis­tet hat: Die 50 Jahre merkt man der Auf­nahme nicht an, und dass das Orch­ester etwas im Hin­ter­grund agiert, ist angesichts der ohne­hin vorhan­de­nen Dom­i­nanz der Gesangs- und Sprech­texte zu ver­schmerzen.
Thomas Schulz