Christina Fuchs, Caroline Thon und Evi Filippou
Peaks & Plots
Fuchsthone Orchestra
Die Bezeichnung Fuchsthone Orchestra ist nicht akzidentiell, sondern essenziell. Denn die per Akronym zusammengezogenen Familiennamen weisen auf die beiden Gründerinnen Christina Fuchs und Caroline Thon, zugleich paritätisch Komponistinnen und Dirigentinnen. Sie sind fürs Repertoire verantwortlich. Bei je individueller Stilistik betrachten sie das Orchester in fast antik-klassischer Bedeutung als Laboratorium für Klangchoreografien, allerdings im Jazz-Idiom, deshalb Extempores inklusive. Sie möchten nicht nur emotionale „Peaks“ präsentieren, sondern auch politische „Plots“, wie die in asymmetrischem Puls vokal skandierte Aufforderung „Don’t forget to pay your bills“, gerichtet an Despoten, Verantwortung für ihr destruktives Handeln zu übernehmen. Dieser plakative Vamp wird im Hintergrund von einer Kontra-linie sowie Minimal-Mustern argumentativ unterstützt, und ungebundene Posaunen-Exklamationen verstärken den Wunsch, bedrohte Freiheit zu schützen.
Ein Pendant dazu ist die philosophische Perspektive in Le Champ, inspiriert von der sozialen Feldtheorie, die Pierre Bourdieu publizierte. Aus scheinbar ungeordneten elektronischen und Vibrafon-Schnipseln, die Gaststar Evi Filippou verteilt, ergibt sich ein Swing- und Riff-Pattern, die sie, auch mit Perkussion, con fuoco energetisch in Partnerschaft mit einem ekstatischen Violinsolo auflädt. Eine abrupte Zäsur sublimiert die heftige Energie zu einem somnambulen Posaunenpart, sodass mehrere improvisierte und komponierte Klangschichten konvergieren.
Ein Prinzip, das sich auch bei den anderen Titeln dieses Albums zeigt: Als Doppel-Duo Capricorn & Aries, eine Liebesgeschichte in hellen Kolorits von Vibrafon und Violine sowie Sopran-Saxofon und Flügelhorn. Die Ballade Savita ist einer freiwilligen Helferin aus Deutschland gewidmet, die im Ukraine-Krieg gestorben ist. Ihre Erfahrung ist mit Bezug auf ihr Fronttagebuch ein Epitaph zwischen martialischem Szenario und emotionaler Leere, die Roger Hanschel am Sopran-Saxofon durch intensive Cantus-Empathie würdigt. Wie ein Mosaik fügen sich „Taksim“-Impressionen aus Istanbul, die über ein Skalenthema, einem Trompetensolo mit Halleffekten und einer Klavierepisode unprätentiös angenehme Bosporus-Atmosphäre aufkommen lassen.
Mit Reciprocity von Evi Filippou, arrangiert von Caroline Thon, nähert sich ein Rockjazz-Riff, dessen Groove in E-Gitarren-und Vibrafonsounds Klangflächen ausbreitet, in verwandelnder Bogenform sich selbst. Perkussion- und Bass-Geräusche festigen sich in Lai Nairs (Schwarzer See) zu einem rhythmischen und später Tutti-Motiv, das einen Korridor zu einem E-Gitarren-Monolog im eleganten Shuffle öffnet. Tanz- und Klangvielfalt sind als Fuchsthone-Orchester-Konzept ein ebenso aufregendes wie ambitioniertes Abenteuer für die Ohren.
Hans-Dieter Grünefeld


