Michael Schwalb

Paul Sacher

Fortschritt durch Rückschau

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: edition text + kritik, München
erschienen in: das Orchester 1/2026 , Seite 69

Eine Schlüsselfigur seiner Zeit war der Basler Dirigent Paul Sacher (1906-1999). Er dirigierte fast ausschließlich Werke des 18. und des 20. Jahrhunderts und gründete mehrere musikalische Institutionen, die damals enorme Pionierleistungen waren: vor allem das Basler Kammerorchester (gegründet 1926) und als weiteres Kammerorchester das Collegium Musicum Zürich (1941) sowie die Schola Cantorum Basiliensis als erste Forschungs- und Lehreinrichtung für das, was man inzwischen Historisch Informierte Aufführungspraxis nennt (1933); vor allem aber die Paul Sacher Stiftung (1973) zur Bewahrung und Erforschung der Vor- und Nachlässe großer zeitgenössischer Komponisten, beginnend mit Igor Strawinsky und Anton Webern. 1934 heiratete Sacher die zehn Jahre ältere Maja Hoffmann-Stehlin, Witwe des Chefs des Chemieriesen Roche, sicherte der Familie durch sein angeborenes Organisationstalent und seine als Dirigent erworbene Sozialkompetenz die Mehrheit der Aktien und wurde dadurch extrem reich.
Das viele Geld verwendete er aber weniger für sich selbst als vielmehr für die Gemeinschaft, vor allem für weit über 200 Kompositionsaufträge. Einige dieser neuen Werke wurden zu Repertoirerennern: von Béla Bartók die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta, das Divertimento für Streichorchester sowie die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug (diese drei sah Sacher selbst als seine wichtigsten Auftragswerke an), von seinem Lieblingskomponisten (nach Wolfgang Amadeus Mozart) Strawinsky das Concerto en ré („Basler Konzert“) für Streichorchester, von Arthur Honegger (der Sacher nach eigener Aussage „künstlerisch und menschlich am nächsten“ stand) die Symphonie Nr. 2 für Streichorchester mit Trompete ad libitum, von Bohuslav Martinů (den Sacher drei Jahre bis zu seinem Tod 1959 beherbergte) das Doppelkonzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauken sowie nicht zuletzt von seinem Landsmann Frank Martin die Petite symphonie concertante für Harfe, Cembalo (Sachers Lieblingsinstrument), Klavier und doppeltes Streichorchester. Er war sogar so großzügig, manchmal auch Aufträge an von ihm respektierte Meister zu vergeben, obwohl deren Ästhetik nicht seinen im Prinzip neoklassizistischen Vorstellungen entsprach, das betrifft vor allem Richard Strauss und seine Metamorphosen für 23 Solostreicher.
Paul Sacher war davon überzeugt, dass das Neue nur aus der genauen Kenntnis des Alten erwachsen kann, das macht diese Monografie klar. Wer sich für die Details und Zusammenhänge der Musikgeschichte von Basel, der Schweiz, Europas und der Welt im vergangenen Jahrhundert interessiert, der greife umgehend zu diesem handlichen Bändchen.
Ingo Hoddick

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