Holliger, Heinz

Partita (II) für Harfe

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2004
erschienen in: das Orchester 05/2005 , Seite 78

Heinz Hol­liger, weltweit anerkan­nt als Kom­pon­ist und Oboen­vir­tu­ose, stellt mit Par­ti­ta (II) sein neuestes Werk für Harfe solo vor. Es ist ein Auf­tragswerk des 53. Inter­na­tionalen Wet­tbe­werbs der ARD 2004. Spiel­tech­nisch wie auch musikalisch stellt das fün­f­sätzige Stück höch­ste Anforderun­gen an Har­fenistin­nen. Nicht zulet­zt basiert das umfassende Wis­sen Hol­ligers über die Harfe auf sein­er Ehe mit der inter­na­tion­al bekan­nten Har­fenistin Ursu­la Hol­liger. (Eine Par­al­lele aus der Ver­gan­gen­heit drängt sich förm­lich auf: Louis Spohr, ver­heiratet mit der damals berühmten Har­fenistin Dorette Schei­dler, ver­danken wir wun­der­schöne und wichtige Harfenliteratur).

Heinz Hol­liger über­schreibt die fünf Sätze sein­er Par­ti­ta (II) mit „Toc­ca­ta“, „Les Agré­ments (hom­mage à Rameau)“, „Aria“, „Glis­sés“ und „Fughet­ta cro­mat­i­ca“. Durchge­hende Achtel in „Toc­ca­ta“ mit ständig ver­schobe­nen Akzen­ten in bei­den Hän­den, dazu eine extrem schnelle Tem­pov­or­gabe ver­lan­gen vom Spiel­er größte Vir­tu­osität. Hol­liger ver­wen­det hier wenig Klang­ef­fek­te. Im zweit­en Satz verzichtet er sog­ar gän­zlich darauf. Hinge­gen bringt er in sein­er „hom­mage à Rameau“ den Har­fen­klang voll zur Gel­tung, nicht durch Akko­rde, son­dern durch poly­fon angelegte Triller und Verzierun­gen im Legato.

„Aria“ – Hol­ligers Vision von ein­er vol­lkomme­nen Klangver­schmelzung – beste­ht darin, dass die rechte Hand mit einem kleinen Geigen­bo­gen die vorgeschriebe­nen Har­fen­sait­en kan­tile­ne­nar­tig stre­icht, während die linke Hand beglei­t­ende Umspielungs­fig­uren zupft. Das lässt sich schw­er real­isieren, zumal Har­fenis­ten in der Regel keine Stre­ich­er sind und nicht wis­sen, wie man durch richtige Bogen­führung Ton­schön­heit erzeugt. Dadurch wer­den sie lei­der diesem Satz musikalisch wohl einiges schuldig bleiben.

In „Glis­sés“ erfreut sich der Kom­pon­ist an den vielfälti­gen Möglichkeit­en von Stimm­schlüs­sel­glis­san­di, für mich ein über­aus heit­er­er Satz. Als genial empfinde ich „Fughet­ta cro­mat­i­ca“. Vier Sait­en müssen einen hal­ben Ton tiefer ges­timmt wer­den, somit erweit­ert sich die Möglichkeit von chro­ma­tis­chen Abläufen auf der dia­tonisch ges­timmten Harfe. Zum Schluss des Satzes genießt man den ein­stim­mig angelegten langsamen Epi­log. Hol­liger schreibt ihn in der schön­sten Klanglage der Harfe.

Die vor­liegende Aus­gabe der Par­ti­ta (II) bietet eine sehr gute Druck­qual­ität. Pos­i­tiv ist auch die Angabe über die Spiel­d­auer der einzel­nen Sätze zu werten. Auf den Außen­ti­tel gehörte, wie bei den früheren Aus­gaben, der volle Name des Kom­pon­is­ten. Neben der Wer­bung für die neue Edi­tion Schott wün­schte ich mir auch ein kom­plettes Verze­ich­nis der Har­fen­lit­er­atur von Heinz Hol­liger. Weit­er­hin liegt mir ein zu eng gebun­denes Exem­plar vor: Auf das Noten­pult gestellt, fall­en die Seit­en zwangsläu­fig wieder zu. Zeit­genös­sis­che Har­fen­musik Kor­rek­tur zu lesen, ist sehr schw­er. Da bedarf es ein­er inten­siv­en Kom­mu­nika­tion in der Druck­vor­bere­itung zwis­chen Kom­pon­ist und Her­aus­ge­ber. Mit Bedauern stelle ich jedoch in dieser Aus­gabe reich­lich Män­gel fest.

Mar­i­on Hofmann