Carl Loewe
Palestrina. Oratorium
Johanna Beier, Lukas Siebert, Ferdinand Dehner, Johannes Hill, Florian Hartmann, Magnus Piontek, Vox Quadrata, Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ltg. Tristan Meister
Das Konzert in der Christuskirche Mannheim am 20. April 2025 war die erste Aufführung des 1841 in Stettin uraufgeführten Oratoriums Palestrina seit einer Berliner Reprise 1845. Jetzt wurde der Live-Mitschnitt mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und Vox Quadrata veröffentlicht. Carl Loewe, dessen Oratorien auch durch die tatkräftigen Initiativen der Internationalen Carl-Loewe-Gesellschaft Löbejün dem langen Vergessen entrissen werden, griff wie in den bereits zugänglichen Titeln Hiob und Jan Hus auf abgemilderte Gestaltungsmittel der Grand Opéra zurück.
Der aus Mirow stammende Textdichter Ludwig Giesebrecht war ein auf Pommern und das Baltikum spezialisierter Historiker. Er entwickelte um die Entstehung der Messkomposition von Giovanni Pierluigi da Palestrina (ca. 1525 bis 1594) ein facettenreiches Panorama: Der erste Teil zeigt das Landleben von Winzern, Chorgruppen der päpstlichen Krieger und Jesuiten in einer von essenziellen Konflikten erschütterten Zeit. Es folgen der Auftrag zur Missa Papae Marcelli an den Komponisten und drei Sätze aus dieser in einem Arrangement Loewes als Verherrlichung des „Retters der Kirchenmusik“. Wie in Hans Pfitzners 70 Jahre später entstandenem Musikdrama Palestrina treten bei Giesebrecht die historischen Figuren Kardinal Carlo Borromeo (Martin Hill) und Papst Pius IV. (Magnus Piontek) auf. Mit einem entscheidenden Unterschied: Pfitzner zeigte als introvertierten Höhepunkt den visionären Schöpfungsakt der durch ihre große Textverständlichkeit bei polyfoner Gestaltung legendären Missa Papae Marcelli. Für Loewe dagegen steht die Harmonie des Tonschöpfers Palestrinas und seiner Frau Fiametta als Vorbild für die Einheit von tätigem und geistigem Leben im Mittelpunkt. „Frühling der Kirche, nun hab ich dich funden, in der Musik, in dem tödlichen Meer!“, singt Fiametta in Nr. 27 (Duett und Schlusschor) und erwähnt davor die „in der Türkenschlacht heiligen Wunden“: Das Musikgenie Palestrina entfaltet und verortet sich also im Rahmen einer Kirche mit Kampfgeist.
Diese Einspielung setzt in Loewes Fugen, protestantischen Choralzitaten und liedhaften Strophen eher glättende als schroffe Akzente. Die Chöre haben Fülle, die Soli und Chorsoli werden vom auf Chormusik spezialisierten Dirigenten Tristan Meister homogen geführt. Den Instrumentalfarben widmet sich die Staatsphilharmonie mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit für Details. In den wichtigen Solopartien agieren Johanna Beier (Fiametta) und der Tenor Lukas Siebert (Palestrina) mit lyrischem Ernst, dem sie einen rhetorischen Nachdruck unterordnen. Den Sturmwind der Geschichte und bewegter Zeiten hört man also nicht, auch nicht das Erstarken dramatischer Impulse im Oratorium des mittleren 19. Jahrhunderts.
Roland Dippel


