Beikircher, Konrad

Palazzo Bajazzo

Ein Opernführer

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004
erschienen in: das Orchester 03/2005 , Seite 72

Komö­di­en sind eine schwierigere Materie als Tragö­di­en. Es ist ver­mut­lich auch leichter, ernst über die ern­ste Kun­st zu schreiben als humor­voll und heit­er. Zu oft geht mit dem konventionell-
respek­t­losen Ton auch der Geist ver­loren. Nicht so beim Vielkön­ner Kon­rad Beikircher – Musikschrift­steller, Psy­chologe, Kabaret­tist –, der kür­zlich einen Opern­führer vorgelegt hat. Der fungiert als ein gle­icher­maßen guter Prüf­stein für den Humor und die Vorurteil­slosigkeit des Lesers wie für die Sou­veränität und die Vir­tu­osität des Autors. Wer ihn schon aus seinen bei­den Konz­ert­führern Andante spumante (siehe Besprechung in Das Orch­ester 11/01) und Scher­zo furioso ken­nt, ahnt, was auf ihn zukommt: ein Opern­führer der eher ungewöhn­lichen Art.
Dass Beikircher – wie es oft in Rezen­sio­nen hieß – „die großen Werke der klas­sis­chen Musik nicht ganz ernst nimmt“, trifft den Charak­ter sein­er Texte allerd­ings nicht. Selb­stver­ständlich nimmt er die Werke ernst. Das zeigt sich vor allem daran, dass er sie wie seine Wes­t­en­tasche ken­nt. Was dage­gen so viel unern­stes Vergnü­gen in Hirn und Herz des Lesers bere­it­et und was Beikirchers Darstel­lung im Wortsinn ausze­ich­net, ist seine sou­veräne und unei­tle Demask­ierung unaufgek­lärt-selb­st­ge­fäl­liger Ern­sthaftigkeit. Dabei gelingt es ihm, immer bei­de Frak­tio­nen anzus­prechen: die Opernken­ner und die Ahnungslosen. Sie find­en sich bei der Lek­türe wahrschein­lich oft im ver­ste­hen­den Lachen vereint.
Das Buch begin­nt mit ein­er Gebrauch­san­weisung. Sie hil­ft dem Leser bei der Ori­en­tierung und bindet den Autor, die einzel­nen Opern – wie komisch auch immer beschrieben – den­noch nach Stan­dards und damit ver­gle­ich­bar zu beurteilen. Die sorgfältig gepflegten Rubriken ihrer­seits freilich weichen von denen ander­er Opern­führer ab. Neben eher kon­ven­tionellen Kat­e­gorien wie „Entste­hung und Urauf­führung“ wer­den die Werke näm­lich auch nach „Hits, Flops“ (Auf­führun­gen des Bajaz­zo wur­den so manch­es Mal zum „Flop­pis­si­mo“) oder „Divers­es“ (sprich „Kuriositäten“) geord­net und außer­dem auf Gähn‑, Moral‑, Tränen‑, Gourmet- und Ewigkeits-Skalen einge­tra­gen. Solch eine Meth­ode erzwingt eine eigensin­nige Sprache. Der Blick in das Reg­is­ter liefert Beispiele, die sogle­ich gesteigertes Inter­esse weck­en. Denn dort gibt es Stich­worte wie Ram­p­en­schleck­er, Gießkan­nen-Ensem­ble und Sado-Maso-Arien.
Der Leser find­et, was er braucht: biografis­che Noti­zen zum Kom­pon­is­ten und zum Libret­tis­ten. Auch und ger­ade, wenn er nicht Da Ponte heißt. Den kurzen Beschrei­bun­gen sind häu­fig noch instruk­tive kul­turgeschichtliche Dat­en beigegeben, wie zum Beispiel, dass Clau­dio Mon­teverdis Krö­nung der Pop­pea eine der ersten Opern ist, die nicht mehr Göt­terkrams, son­den nor­male his­torische Begeben­heit­en zum The­ma hat.
Sehr nüt­zlich ist weit­er­hin, dass die Rol­len­fach- und Orch­esterbe­set­zun­gen durch­weg voll­ständig angegeben sind. Unbe­d­ingt wis­sen sollte man noch vor dem Kauf, dass dieser Opern­führer erstens Löch­er hat. Denn es fehlen solche Größen wie Wag­n­er, Strauss und Puc­ci­ni. Die fol­gen, so Beikirchers Ver­sprechen, beim näch­sten Mal. Dass man aber zweit­ens einen Extraser­vice bekommt. Und zwar die CD-Tipps des Musikkri­tik­ers Wol­fram Goertz, an dem Beikircher schätzt, dass er zu den weni­gen Opernkri­tik­ern gehört, die zuerst die musikalis­chen Seit­en ein­er Auf­führung betra­cht­en und erst dann über die Insze­nierung sprechen.
Eine War­nung zum Schluss: lieber nicht erst kurz vor dem Opernbe­such ins Buch schauen. Son­st kommt man garantiert zu spät.
Kirsten Lin­de­nau