Tüür, Erkki-Sven

Oxymoron / Salve Regina / Ardor / Dedication

Rubrik: CDs
Verlag/Label: ECM 1919 4765778
erschienen in: das Orchester 11/2007 , Seite 93

Ger­adezu ide­al passen sie zusam­men, das Label ECM und dessen neue Plat­te mit Musik des est­nis­chen Kom­pon­is­ten Erk­ki-Sven Tüür: Was des einen Fir­men­philoso­phie ist, ist des anderen Ästhetik. Auch die Wirkungsstrate­gien ähneln sich. Nicht grund­los hat man die Edi­tion of Con­tem­po­rary Musik als musikalis­chen Kos­mos gerühmt, der viele, selb­st grund­ver­schiedene Arten von Musik umschließt und der mit seinen Präsen­ta­tio­nen Ohr und Auge zu faszinieren weiß. Die Musik von Tüür fol­gt qua­si diesem exquis­iten Konzept, um es gle­icher­maßen überzeu­gend und umfassend zu real­isieren.
Allein im großen Ensem­blestück Oxy­moron, der Music for Tirol (2003), man­i­festiert sich facetten­re­ich ein ganzes Schaf­fen­spro­gramm: die Ein­heit des Gegen­sät­zlichen, die Span­nung von Polar­ität und Meta­mor­phose, die visuelle Anre­gung („vereiste Felsen“) und die assozia­tive Aus­rich­tung. Die Steuerung durch Zahlen-Codes („vek­to­rielle Schreib­weise“) und die Freizügigkeit des Min­i­mal­is­mus. Natur­ton und rhetorische Fig­ur. Der Drang in uner­schlossene Räume.
Die Grundle­gung dafür geschah nicht von unge­fähr. 1959 geboren, gehörte Tüür als Zwanzigjähriger der pro­gres­siv­en Rock-Szene in Tallinn an. Der Frei­heit des Impro­visierens aber set­zte er bald die Regel der Form ent­ge­gen. Und aus dem Wech­sel­spiel divergieren­der emo­tionaler und intellek­tueller Energien entwick­elte er eine orig­inelle (eine „para­doxe“, wie er sie selb­st am lieb­sten nen­nt) Klan­gar­chitek­tur. Mit Flächen und Räu­men, deren Dimen­sio­nen sich ändern. Mit Ton­ma­te­r­i­al, dessen Kon­sis­tenz vari­iert. Mit Form- und Ein­satz­plä­nen, die Stim­men und Inter­valle ger­adlin­ig oder wellenar­tig in ver­schieden­ste Rich­tun­gen lenken. Mit tonal oder seriell geord­neten Struk­turen.
Das majestätis­che Panora­ma der Alpen und das Klangspuren-Fes­ti­val in Schwaz evozieren in Oxy­moron jene „unmögliche“ Vere­ini­gung von Extremen und Skalierun­gen, in der sich die bild­haften Ein­drücke und Anre­gun­gen als fluk­turi­erende Aggre­gatzustände und Anord­nun­gen des Ton­ma­te­ri­als nieder­schla­gen. Far­bige Schicht­en und feine Lin­ien alternieren mit drän­gen­den Rhyth­men und anges­pan­nten Bewe­gun­gen. Aus dem Wech­sel ver­tikaler und hor­i­zon­taler Abschnitte ent­fal­tet sich ein Spiel der Kräfte mit einem ger­adezu aggres­siv­en Poten­zial. Und dem grandiosen Gipfel fol­gt ein visionär­er Schluss: Erst hier find­et und gibt die Musik Ruhe – für den weit­en, freien Aus­blick.
In Ded­i­ca­tion für Vio­lon­cel­lo und Piano (1990) wird die innige Melodik solange unter­brochen und ver­stört, bis die dynamis­che und motorische Aufladung in unen­trinnbaren Bah­nen ver­läuft und als Trauer­musik endet – das Gele­gen­heitsstück wird zum Mini-Dra­ma. Das Salve Regi­na für Män­ner­chor und Ensem­ble (2005), eine der ersten vek­to­riellen Kom­po­si­tio­nen Tüürs und eines sein­er zahlre­ichen religiösen Werke, erweit­ert die Strenge des Lin­earen zur Frei­heit der Klänge. Unisono-Gesang und zweis­tim­miger Vokalsatz, Liturgie und das Rit­u­al ein­er feier­lichen Marien­an­rufung öff­nen zunehmend einen schein­bar unendlichen Raum.
Und der Kon­trast von vir­tu­osem Spiel und atmo­sphärisch­er Klangkun­st, von mate­ri­aler Begren­zung und fan­tasiere­ich­er Erfind­ung ver­lei­ht dem Konz­ert für Marim­ba und Orch­ester Ardor (2002) seine Aus­dehnung und Span­nung. Die Real­isierung dieser Farb­spiele und Klangkonzepte durch die est­nis­chen Inter­pre­ten, allen voran das NYYD Ensem­ble mit dem Diri­gen­ten Olari Elts, besitzt Spitzen­niveau. Auch das ist ein Marken­ze­ichen von ECM.
Eber­hard Kneipel