Bach, Johann Sebastian

Ouverture / Orchestersuite in C‑Dur / h‑Moll / D‑Dur / D‑Dur BWV 1066–69

Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2011
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 63

Bachs Orch­ester­suit­en gehören nicht nur zu den am weitesten ver­bre­it­eten, son­dern auch zu den pop­ulärsten Orch­ester­w­erken des Thomaskan­tors. Dabei ist in der Rezep­tion­s­geschichte dieser Kom­po­si­tio­nen vieles unklar. Etliche Rät­sel um die Entste­hung wer­den sich wohl auch in Zukun­ft nicht lösen lassen. Selb­st spek­takuläre Funde wie das in Kiew wieder aufge­tauchte Archiv der Berlin­er Sin­gakademie haben keine wesentlichen neuen Erken­nt­nisse in Bezug auf die Suit­en Johann Sebas­t­ian Bachs erbracht.
So müssen beispiel­sweise die Par­ti­tu­rauto­grafe auch weit­er­hin als ver­loren gel­ten. Einzelne Stim­men und Par­ti­turab­schriften sind unab­hängig voneinan­der erschienen. Selb­st den Entste­hungszeitraum der vier unter­schiedlich beset­zten Werke kann man über­wiegend nur indi­rekt erschließen. All­ge­mein nimmt man 1729/30 an. Überzeu­gende Belege für konkrete Entste­hungs­dat­en gibt es lei­der nach wie vor nicht, auch wenn heutige Forsch­er gele­gentlich glauben (z.B. Sieg­bert Rampe/Dominik Sack­mann: Bachs Orch­ester­musik, Kas­sel 2000), Teile der Suit­en wesentlich früher als bish­er angenom­men datieren zu kön­nen. Und dies, obwohl man all­ge­mein davon aus­ge­ht, dass die erhal­te­nen Fas­sun­gen mit Sicher­heit teil­weise Über­ar­beitun­gen älter­er Werke sind, die teils umin­stru­men­tiert, teils mit einzel­nen Sätzen ergänzt wur­den. Das zeigt sehr schön der wohl bekan­nteste Satz aus den Suit­en, die Air aus der 3. Ouver­ture in D‑Dur, die in rein­er Stre­icherbe­set­zung erklingt. Hier dürfte es sich wohl um einen Satz mit der Orig­i­nalin­stru­men­tierung der nicht erhal­te­nen Urfas­sung han­deln.
Sehr aus­führlich beleuchtet das Vor­wort zur Neuaus­gabe im Bären­re­it­er-Ver­lag die Schwierigkeit­en der Entste­hungs­geschichte und bezieht dabei auch neuere Kom­mentare und Forschun­gen (etwa von Joshua Rifkin oder Mar­tin Geck) mit ein. Aber auch auf die Verselb­st­ständi­gung eben jen­er Air ab den 1860er Jahren und später der Badiner­ie (von den Swingle-Singers bis zum Klin­gel­ton) geht das Vor­wort ein. Inter­es­sant ist ger­ade bei der 3. Suite das Hinzufü­gen der ersten bei­den Sätze in der nach Bachs Tod angelegten Abschrift von Chris­t­ian Friedrich Pen­zel, in der eine Vio­line con­cer­ta­to hinzuge­fügt ist, die ganz sich­er nicht auf Bach selb­st zurück­ge­ht. Diese Fas­sung entspricht der 1837 von Felix Mendelssohn Bartholdy aufge­führten Ver­sion. Auch musikalisch hat sie dur­chaus ihre Reize.
Ins­ge­samt fol­gt die jet­zige Neuedi­tion der als Urtext veröf­fentlicht­en Neuen Aus­gabe sämtlich­er Werke (hier: Serie VII, Orch­ester­w­erke). Diesen Teil der Neuen Bachaus­gabe besorgte Hein­rich Bessel­er im Jahr 1966. Der Druck ist prax­isori­en­tiert, klar und gut les­bar bis in die Bez­if­fer­un­gen der Bassstimme hinein.
Marie-Theres Justus-Roth