Dieckmann, Friedrich

Orpheus, eingeweiht

Eine Mozart-Erzählung

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Insel, Frankfurt am Main 2005
erschienen in: das Orchester 02/2006 , Seite 75

Die Werk­sta­tis­tik mit den Auf­führungszahlen und Insze­nierun­gen der deutschen Opern­häuser, die der Deutsche Büh­nen­vere­in alljährlich vor­legt, ähnelt, was die Vorher­sag­barkeit der ersten Plätze anbe­langt, den Wahlen in Chi­na: Alles andere als ein Platz auf dem Siegerpodest für Die Zauber­flöte käme ein­er Sen­sa­tion gle­ich. Die unange­focht­ene Spitzen­po­si­tion von Mozarts let­zter Oper in der Gun­st des Pub­likums ist umso erstaunlich­er, da die Hand­lung jede Forderung nach logis­chem Ver­lauf und Nachvol­lziehbarkeit mit ein­er Leichtigkeit zurück­weist, die schon Gen­er­a­tio­nen von Musik­wis­senschaftlern Kopf­schmerzen bere­it­et hat.
Wer ist hier gut und wer ist böse? Ist der Zorn der Köni­gin der Nacht über den Raub ihrer Tochter nicht allzu ver­ständlich? Wirft eben diese Tat nicht doch einen Schat­ten auf Saras­tro, den Her­rn der Sonne? Macht man es sich nicht zu ein­fach, alle Schuld auf Mono­statos abzu­laden? Weshalb duldet Saras­tro diesen Men­schen in seinem Reich? Was befähigt aus­gerech­net Tamino, der soeben angesichts ein­er Schlange in Ohn­macht gefall­en ist, dazu, Pam­i­na zu befreien? Die Liste der Fra­gen, die die Hand­lung der Zauber­flöte her­vor­ruft, kön­nte noch lange fort­ge­set­zt wer­den…
Friedrich Dieck­mann hat bere­its 1983 diese Fra­gen auf ganz eigene Weise zu beant­worten ver­sucht. In sein­er Mozart-Erzäh­lung Orpheus, eingewei­ht lässt er Mozart eine Nacht lang mit seinem Logen­brud­er, dem Schaus­piel­er Karl Lud­wig Giesecke durchs nächtliche Wien streifen und über den Fort­gang der ins Stock­en ger­ate­nen Kom­po­si­tion an der Zauber­flöte disku­tieren. Ger­ade die Rolle der Köni­gin der Nacht bere­it­et dem Kom­pon­is­ten Schwierigkeit­en. Doch nicht nur in sein­er schöpferischen Tätigkeit steckt Mozart in der Klemme, auch poli­tisch und sozial ste­ht seine Sit­u­a­tion nicht zum Besten, seit Joseph II. tot ist und dessen Brud­er und Thron­fol­ger Leopold mit Mozart nichts mehr im Sinn hat. Der ehe­mals umschwärmte Hofkom­pon­ist ist gesellschaftlich kalt­gestellt.
Dass das Mozart-Jahr Dieck­manns Klein­od in ein­er Neuaus­gabe der Insel-Bücherei wieder zum Vorschein gebracht hat, ist eine der pos­i­tiv­en Auswirkun­gen des Jubiläums. In sein­er äußerst dicht­en Erzäh­lung malt Dieck­mann, der von 1972 bis 1976 Dra­maturg am Berlin­er Ensem­ble war und als Schrift­steller und Pub­lizist in Berlin tätig ist, das funkel­nde Bild ein­er lan­gen Wiener Som­mer­nacht mit Gesprächen über Freimau­r­ertum, Poli­tik und Mytholo­gie – an deren Ende für Mozart fest­ste­ht, wie es weit­erge­ht mit dieser selt­samen Hand­lung… Tamino mit der Zauber­flöte: Ste­ht er nicht für Orpheus, „der auf der Suche nach der Geliebten“ – so Giesecke zu Mozart – „in die Mühlen der Ein­wei­hung gerät“? Und die Köni­gin der Nacht, wer ist sie anderes als Isis, des Osiris Schwest­er und Geliebte?
„Giesecke sah ihn rat­los an: ‚Wer soll das im The­ater begreifen?‘ ‚Lieber mys­ter­iös als platt‘, sagte Mozart pointiert. ‚Nur das Rät­sel­hafte ist anziehend.‘“ – Wie Recht er doch hat­te!
Rüdi­ger Behschnitt