Halffter, Cristóbal

Orchestral Works

Rubrik: CDs
Verlag/Label: col legno 20204
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 85

Lange hat diese Plat­te auf sich warten lassen. Doch nun entschädigt die ful­mi­nante Ein­spielung dreier Orch­ester­w­erke, bei der der Kom­pon­ist Cristóbal Halffter (geb. 1930) selb­st am Pult des Radio-Sin­fonieorch­esters Frank­furt – heute hr-Sin­fonieorch­ester – ste­ht, dafür umso mehr. Es sind Stücke, die für fes­tliche Anlässe geschaf­fen wur­den, denen Feier und Freude innewohnen und auch exis­ten­zielle Anliegen eingeschrieben sind, und die ein ein­drucksvolles Entree in die musikalis­che Welt des Spaniers bieten.
Die Dort­munder Vari­a­tio­nen (1986/87), Auf­tragswerk des Phil­har­monis­chen Orch­esters Dort­mund zum 100-jähri­gen Beste­hen, sind nicht nur eine Eloge, son­dern eher – wie die anderen Stücke auch – eine aus­ge­sproch­ene Her­aus­forderung: Solis­ten, alle Reg­is­ter und der gesamte Klangkör­p­er müssen sich vir­tu­osen Auf­gaben stellen und kön­nen beste Präsen­ta­tion­s­möglichkeit­en nutzen. Schon der kom­pak­te Auf­takt fordert die Blech­bläs­er voll, und deren Fan­fare sig­nal­isiert mit „brüchigem“ Klang „die pos­i­tiv­en und neg­a­tiv­en Aspek­te“ unser­er Zeit. Doch nicht ein The­ma wird vari­iert, son­dern die Musik ist für die Spez­i­fik jed­er Instru­men­tal­gruppe konzip­iert: Holzbläs­er, Stre­ich­er und das reich bestück­te Schlagzeug fügen kantige Blöcke und ruhige Episo­den, flir­rende Klangfelder, vehe­mente Aus­brüche und eine lange expres­sive Phase aneinan­der; sie ver­wan­deln das Mate­r­i­al, ehe mehrere Anläufe im Tut­ti eine Art Reprise ans­teuern, um der Fan­fare den „richti­gen“ Schluss zu geben: „Die Note D hat eine beson­dere Bedeu­tung, da der Name Dort­mund mit D begin­nt und endet.“ Momente der Besin­nung und Dra­matik in dieser Fest­musik unter­stre­ichen die Vielschichtigkeit von Halffters Aus­druck­swillen.
In Odradek (1996) – ein­er Hom­mage an Franz Kaf­ka sowie der Tschechis­chen Phil­har­monie zum 100. Geburt­stag und dem Diri­gen­ten Gerd Albrecht gewid­met – verdichtet er die pro­gram­ma­tis­chen Züge: Er the­ma­tisiert anhand der lit­er­arischen Fig­ur Kafkas den Zwies­palt zwis­chen Real­ität und Irra­tionalem, zwis­chen Men­sch und Gegen­stand, zwis­chen Ziel­losigkeit und Sinnsuche – kurz: die Ent­frem­dung des Men­schen. Schroffe Gesten, bedrohliche Unruhe, frag­men­tarische The­mengestal­ten, ein inten­siv­er Hal­te­ton der hohen Stre­ich­er erscheinen als Klangze­ichen – gemein­sam mit charak­ter­is­tis­chen Struk­turen aus früheren Werken.
Auch Tien­to del primer tono y batal­la impe­r­i­al ist ein Auf­tragswerk: Die Stadt Basel „schenk­te“ es 1986 Paul Sach­er zum 80. Geburt­stag. Halffters Stück über Musik alter spanis­ch­er Orgelmeis­ter, die sein­er Schaf­fen­sauf­fas­sung eng ver­bun­den sind, gewin­nt aus El tien­to del primer tono von Anto­nio de Cabezón kon­tra­punk­tis­che Dichte und würde­vollen Aus­druck, La batal­la impe­r­i­al von Juan Bautista José Caban­illes lässt naht­los den großen Aufzug fol­gen. Ern­ster Stre­icherge­sang, fes­tliche Bläser­chöre und das Dröh­nen der Basler Trom­meln ver­lei­hen der Musik unmit­tel­bare Wirkung. Und die Auf­nah­men mit dem Frank­furter Orch­ester begeis­tern durch klare Kon­turen, opu­lente Far­ben und weite Klan­gräume. Was man hört, hin­ter­lässt einen starken Ein­druck!
Eber­hard Kneipel