Orchestral Music of the Schuncke Family

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 13280
erschienen in: das Orchester 11/2013 , Seite 78

Wer schrieb außer Brahms ein Dop­pelkonz­ert für Vio­line und Vio­lon­cel­lo mit Orch­ester? Hier wäre noch eines: Kom­poniert 1840 vom damals 17-jähri­gen Hugo Schuncke (1823–1909) als Con­cer­tante wohl für sich selb­st und seinen Cel­lis­ten-Brud­er Adolf (1820–1888) – hochro­man­tisch, fan­tasievoll, auftrumpfend begin­nend, verträumte Pas­sagen ein­streuend, mit anrühren­den Duett-Melo­di­en im Mit­tel­satz und endend in einem über­müti­gen und tech­nisch anspruchsvollen Ron­do-Schluss à la polac­ca!
Die Brüder entstam­men ein­er erstaunlichen Musik­er­dy­nas­tie: 25 Beruf­s­musik­er in vier Gen­er­a­tio­nen nen­nt August Gath­ys Musikalis­ches Con­ver­sa­tions-Lexikon von 1840. Die Sippe begin­nt mit dem Merse­burg­er Johann Got­tfried Schuncke (1742–1807), Bäck­er und begabter Wald­hor­nist. Diese selt­same Dop­pel­be­gabung set­zte sich wun­der­sam in seinen Nachkom­men fort, so online nachzule­sen auf www.schuncke-archiv.de, von denen viele neben dem Brot­back­en auch das Horn­spiel pflegten und damit sog­ar Kar­riere macht­en. Das gilt schon für sieben Söhne, unter ihnen Johann Got­tfried II. (1777–1861) und Johann Michael (1778–1821), denen das Pub­likum zujubelte – Gathy nen­nt sie „die größten Horn­vir­tu­osen ihrer Zeit“.
Die drei Werke dieser begrüßenswerten CD stam­men vom bere­its genan­nten Hugo, der neben Geige auch Klavier- und natür­lich Horn­spiel gel­ernt hat­te, dann von Her­rmann (1825–1898), der im Königlich Preußis­chen Orch­ester als Hor­nist wirk­te, bei­de aus der drit­ten Gen­er­a­tion. Johann Christoph (1791–1856) gehört als Hugos Onkel noch zur zweit­en.
Er stand in Dien­sten des Großher­zogs von Baden und bereiste als Horn­vir­tu­ose erfol­gre­ich ganz Europa.
Die dreifaltige Schuncke-Musik­mis­chung ist für den Musik­fre­und ein Glücks­fall: Neben Hugos schon genan­nter Dop­pelkonz­ert-Con­cer­tan­ten ist Johann Christoph Schunck­es dreisätziges Horn-Con­certi­no ein Reißer: hochvir­tu­os, wun­der­bar klangselig – bestes Konz­ert­fut­ter für reisende Meis­ter­hor­nisten! Peter Damm, vor­mals Solo­hor­nist der Säch­sis­chen Staatskapelle, schreibt in seinem Edi­tions-Vor­wort, dieses Con­certi­no sei stilis­tisch unüber­hör­bar von Weber, Spohr und Danzi bee­in­flusst und doku­men­tiere eine außeror­dentlich vir­tu­ose Beherrschung des Ven­til­horns durch den Kom­pon­is­ten, der es vielle­icht ver­standen habe, tra­di­tionelle Naturhorn­tech­nik mit neuer Ven­til­tech­nik zu kom­binieren. Robert Lang­beins Inter­pre­ta­tion des Horn­parts bewirkt schiere Begeis­terung, so per­fekt mod­el­liert der heutige Dres­d­ner Solo­hor­nist abwech­sel­nd hals­brecherisch Vir­tu­os­es und sonoren Hornge­sang zu anrühren­den Klän­gen. Schade nur, dass dieses Con­certi­no kaum 15, Hugos Con­cer­tante auch nur fast 25 Minuten dauert…
Ein wenig entschädigt dafür Her­mann Schunck­es B‑Dur-Sin­fonie von 1850. Die ein­fall­sre­iche Vielfalt der vier Sätze an eingängi­gen und gefüh­lvollen Melo­di­en, sog­ar mit klas­sis­chen Zitat­en, kann sich neben den frühen Sin­fonien Webers von 1807, auch neben anderen Jugendsin­fonien der Zeit – etwa von Saint-Saëns oder Bizet – dur­chaus behaupten: Kein Wun­der, dass nach ihrer Wieder­auf­führung die Baden-Baden­er Phil­har­monie das Werk immer wieder auf den Spielplan set­zen muss!
Diether Steppuhn