Höller, Karl

Orchesterwerke, Vol. 3

Sinfonie Nr. 1 cis-Moll op. 40 / Sinfonie Nr. 2 in g op. 65 "Huldigung an Mozart"

Rubrik: CDs
Verlag/Label: ambitus amb 96 895, 2 CDs
erschienen in: das Orchester 11/2007 , Seite 92

Am 25. Juli 2007 wäre Karl Höller hun­dert Jahre alt gewor­den. Höller, der ein­er alten Bam­berg­er Organ­is­ten­fam­i­lie entstammte, war in erster Lin­ie als Kom­pon­ist von Orchester‑, Kam­mer- und Orgel­musik aktiv und erfol­gre­ich. Noch 1982 schrieb Wolf-Eber­hard von Lewin­s­ki im Bei­heft zur Schallplat­tenedi­tion „Zeit­genös­sis­che Musik in der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land“ über ihn, er dürfe „als ein­er der am meis­ten aufge­führten Kom­pon­is­ten sein­er Gen­er­a­tion beze­ich­net wer­den“. Heute hinge­gen ist Höllers Musik auf den Konz­ert­po­di­en kaum noch präsent – ein Schick­sal, das er mit vie­len sein­er Gen­er­a­tionsgenossen, etwa Wolf­gang Fort­ner, teilt. Um so erfreulich­er ist es, dass das von Musik­welt ver­triebene Label ambi­tus anlässlich des 100. Geburt­stags des Kom­pon­is­ten eine CD-Rei­he mit aus­gewählten Werken Höllers veröf­fentlicht. Bei der hier vor­liegen­den Auf­nahme der bei­den Sin­fonien han­delt es sich höchst­wahrschein­lich um Erstein­spielun­gen, obwohl dies nicht auf dem CD-Cov­er ver­merkt ist.
Höller war nie ein Rev­o­lu­tionär, son­dern fühlte sich stets der Tra­di­tion verpflichtet. Auch in seinen bei­den Sin­fonien wirft er den Blick zurück auf musikalis­che Vor­bilder: Im Falle der 1945 vol­len­de­ten 1. Sin­fonie cis-Moll ist es Anton Bruck­n­er; darauf hat der Kom­pon­ist selb­st hingewiesen. Stilis­tis­che Ähn­lichkeit­en sucht man jedoch verge­blich, es ist vielmehr der sin­fonis­che lange Atem Bruck­n­ers, der Höller nach eigen­er Aus­sage inspiri­erte. Klan­glich find­en sich vor allem Bezüge zum franzö­sis­chen Impres­sion­is­mus, und von der Grun­daus­sage her kann das Werk als spätro­man­tisch charak­ter­isiert wer­den, mit einem wei­hevollen, verk­lärt enden­den Ada­gio als Schlus­satz, in dem Höllers Reli­giosität man­i­fest wird. Wem Ver­gle­iche nützen, der mag in der dicht­en, wogen­den Har­monik Par­al­le­len zur Sin­fonik des Englän­ders Arnold Bax erblick­en, wen­ngle­ich Höllers Musik leichter fass­bar bleibt. So inter­es­sant die Begeg­nung mit diesem Werk ein­er­seits anmutet, so wenig wahrschein­lich ist es, dass es sich einen Platz im Konzertleben zurücker­obern wird. Seine unzweifel­hafte Aus­druck­skraft ufert oft ins Exaltiert-Pathetis­che aus, und manche innig gemeinte Pas­sage wirkt heute lediglich zuck­rig.
Wesentlich beherrschter und trans­par­enter gibt sich die zweite Sin­fonie g‑Moll aus dem Jahr 1973; sie ist eine der let­zten Orch­esterkom­po­si­tio­nen Höllers und trägt den Zusatz „Huldigung an Mozart“. Das ein­lei­t­ende Seufz­er­mo­tiv aus Mozarts Sin­fonie g‑Moll KV 550 prägt das Werk vom ersten bis zum let­zten Takt; die Instru­men­ta­tion ist schlank und durch­sichtig, die Har­monik in ihrer Verquick­ung von spätro­man­tis­chen und impres­sion­is­tis­chen Ele­menten rein­ster Höller. Über­raschend wirkt angesichts des ser­e­naden­haften Charak­ters der Sin­fonie ihr melan­cholis­ch­er Schluss. Keine Musik, die die Welt verän­dert, der man jedoch ab und an dur­chaus gerne zuhört.
Die Bam­berg­er Sin­foniker unter Her­mann Bäumer liefern saubere, zuver­läs­sige Inter­pre­ta­tio­nen, denen man an eini­gen Stellen lediglich etwas mehr rhyth­mis­che Kon­turierung wün­schen würde. Zur Ehren­ret­tung eines fast vergesse­nen Kom­pon­is­ten tra­gen sie jedoch zweifel­sohne bei.
Thomas Schulz