Bernd Alois Zimmermann
Orchesterwerke: Impromptu/Photoptosis/Stille und Umkehr
Partitur und Kritischer Bericht, Gesamtausgabe, hg. von Benjamin W. Bohl, Hemma Jäger, Felix Marzillier, Katharina Schlosser u. a.
Der Dirigent Kirill Petrenko gab auf die Frage, welchem verstorbenen Komponisten er gerne begegnen würde, die frappierende Antwort: „Bernd Alois Zimmermann […], ich hätte da noch ein paar Fragen“.
Dem Manne kann geholfen werden: Jetzt ist der erste Band der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Bernd Alois Zimmermanns erschienen, die bisher unberücksichtigte Quellen sowie den aktuellen Forschungsstand hervorragend dokumentiert.
Die Projektleitung hat Dörte Schmidt, eine ausgewiesene Kennerin von Zimmermanns Schaffen. Zur Seite stehen ihr neben einem kompetenten Team ein Projektbeirat mit Kennern der Materie. Unterstützt wird die Gesamtausgabe von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz.
Dörte Schmidt versteht Editionswissenschaft als Grundlagenwissenschaft für einen sinnvollen heuristischen wie hermeneutischen Umgang mit historischen Texten und Artefakten. Ein kluger Schritt ist die Abkehr von den sogenannten „Denkmälern der Tonkunst“. Vor dem Hintergrund der Möglichkeiten der Digitalisierung ergeben sich neue flexible Formen der Darstellung, in der es nicht mehr notwendig ist, sich auf eine einzige Fassung zu beschränken.
Entstanden ist eine historisch-kritische Hybrid-Ausgabe, die aus einer in Bänden erscheinenden Druckausgabe und einer dazugehörigen digitalen Online-Edition besteht. Das trägt der Tatsache Rechnung, dass Zimmermanns umfangreiches und komplexes Werk besondere Anforderungen an eine Gesamtausgabe stellt. Dazu zählen die Vernetzung der Werke und die Integration von Medienbestandteilen wie Tonbändern bei zentralen Kompositionen.
Die gedruckten Notenbände liefern dabei verlässliche, kritisch geprüfte Notentexte für Praxis und Forschung. Die digitale Edition bietet zusätzlich tiefere philologische Einblicke, macht alle editorischen Entscheidungen nachvollziehbar und zentrale Quellen zugänglich. Die einzelnen Bände konstatieren keine „letzte Wahrheit“, sondern stellen Begründungszusammenhänge her, die Interpreten wie Rezipienten das Recht auf informierte Entscheidung ausdrücklich zurückgeben. Man versteht die Notentexte nicht als ein historisch gewachsenes Textgefüge, sondern bewusst als ausgewiesenen editorischen Text, den es durchaus zu hinterfragen gilt.
Die Edition der Schriften sowie einer thematisch fundierten Auswahl der Briefe übernimmt diese Konzeption und macht damit erstmals Zimmermanns gesamtes theoretisches und publizistisches Werk ebenso zugänglich wie sein weit verzweigtes, in die Musikkultur der westdeutschen Nachkriegszeit eingebettetes kommunikatives Netzwerk. Wer sich mit dem faszinierenden Potenzial der modernen Editionswissenschaft vertraut machen möchte, sei auf die von Dörte Schmidt betreute hochinteressante Dissertation von Hemma Jäger Schichten und Kontexte freilegen. Über die Möglichkeiten hybrider Texteditionen am Beispiel der Ausgabe von Bernd Alois Zimmermanns Schriften aus dem Jahre 2022 hingewiesen. (Erschienen als erster Band der BAZ-GA-Schriftenreihe „Beihefte zu Studio 10“.)
Die Kompetenz des Teams um Dörte Schmidt zeigt sich auch in der intelligenten Auswahl der drei Orchesterwerke des vorliegenden Bands, die anschaulich die kompositorische Entwicklung darlegt, und zwar vom relativ konventionellen Impromptu (1958) (Stichwort: „Abkehr vom Serialismus“) über die komplexe Anlage von Photoptosis (1968) (Stichwort: „Zeitdehnung“) bis zu seinem letzten Orchesterwerk Stille und Umkehr (1970), diese merkwürdig bis zum Verstummen zurückgenommenen Orchesterskizzen, die Zimmermann kurz vor seinem Freitod komponierte.
Zimmermanns eigenes Verdikt, „ältester unter den jungen Komponisten zu sein“, erweist sich jetzt als Glücksfall, da er vor diesem Hintergrund die Fiktion einer „Stunde Null“ stets ablehnte. Vielmehr ließ er sich bewusst auf die Konfrontation mit der überkommenen musikalischen Welt, in der er aufgewachsen war, ein, ebenso wie auch mit der radikalen Kritik und Erneuerung der musikalischen Sprache durch die Nachkriegsavantgarde. Dabei gelangte er zu einer sonst kaum anzutreffenden ästhetischen Offenheit. Dessen war sich Zimmermann bewusst, wie er in einer biografischen Notiz schrieb, die als Vorlage für einen Artikel in der MGG gedacht war: „Wenn jemand […] die musikalischen Aufräumarbeiten seiner Generation erledigte, so war es gewiss Zimmermann, dem die meisten der jüngeren Komponisten zunächst den Vorteil einer durch die politischen Verhältnisse ungehemmten Entwicklung voraushatten.“
Dörte Schmidt sieht das ebenso, wie sie in einem Interview ausführt: „Zimmermann nimmt eine Schlüsselposition in der Geschichte der deutschen Nachkriegsmusik ein: Er ist einer – wenn nicht der Komponist –, der ab den 50er-Jahren wirklich versucht hat, eine Bestandsaufnahme zu machen. Anders als diejenigen, die sich der Hoffnung auf eine ‚Stunde Null‘ verschrieben hatten und nach dem Krieg alles neu aufbauen wollten, übernahm Zimmermann als Komponist aktiv die Verantwortung, die sich für ihn aus der historischen Situation ergab.“
Und so ist es konsequent, dass er der erste Komponist der Neuen Musik nach 1945 ist, dessen Schaffen in einer Gesamtausgabe gewürdigt wird.
Man bemerkt, dass dieses große Unternehmen, und das kann man beileibe nicht von allen solchen Projekten sagen, eine Notwendigkeit darstellt, da diese Gesamtausgabe nicht nur zuverlässige Notentexte liefert, sondern die Veröffentlichung bisher nicht publizierter Kompositionen und Schriften Bernd Alois Zimmermanns neue Erkenntnisse ermöglicht.
Das Editionsverfahren ist unter allen Aspekten tadellos. Die Partituren sind klar strukturiert und aufführungspraktisch durchdacht. Der exzellente kritische Bericht erläutert sinnhaft wichtige Entscheidungen hinsichtlich divergierender Lesarten zwischen Autograf, Stichvorlage und Aufführungsmaterial, spätere Korrekturen usw. Wobei der Hinweis erlaubt sei, dass auch die sprachliche Qualität der einzelnen Texte überzeugt. Es bereitet Freude, sie zu lesen, obwohl es stellenweise um eigentlich „trockene“ Inhalte geht. Druck- und Papierqualität sind wie auch die buchbinderische Herstellung vorzüglich.
Michael Pitz-Grewenig


