Ludwig, Ariane

Opernbesuche in der Literatur

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Königshausen & Neumann, Würzburg 2012
erschienen in: das Orchester 02/2013 , Seite 56

Ob Forum gesellschaftlich­er Selb­st­darstel­lung und Jahrmarkt der Eit­elkeit­en; ob alle Sinne ansprechen­der musikalisch-the­atraler Raum und Stim­u­lans für Liebes­beziehun­gen oder rät­sel­hafter Ort von Unglücks­fällen und mys­ter­iösen Ver­brechen: Es sind dies die szenis­chen Grund­muster, nach denen das Opern­haus­mo­tiv immer wieder, haupt­säch­lich in Roma­nen und Nov­ellen, lit­er­arische Ausar­beitung erfährt.
Die vor­liegende kom­para­tis­tisch angelegte Unter­suchung von Ari­ane Lud­wig – die Autorin macht hier ihre Dis­ser­ta­tion ein­er inter­essierten Leser­schaft zugänglich – präsen­tiert eine umfassende Zusam­men­stel­lung entsprechen­der Beispiele lit­er­arisch­er Episo­den, die in Opern­häusern spie­len – schw­er­punk­t­mäßig aus deutsch­er und franzö­sis­ch­er Lit­er­atur vor allem des 19. Jahrhun­derts.
Die Fülle der Belege für die Wirkung jenes facetten­re­ichen Topos ist dabei über­bor­dend, deren ken­nt­nis­re­iche Auswer­tung beein­druck­end. Auf ins­ge­samt gut 700 Seit­en wird das weitverzweigte the­ma­tis­che Ter­rain erschlossen, vielgestaltig die aufgezeigten Aspek­te, riesig der Anmerkungsap­pa­rat mit nahezu 2000 nachgestell­ten Erläuterun­gen allein auf 150 Seit­en sowie Text- bzw. Lit­er­aturverze­ich­nis­sen auf weit­eren 100 Seit­en.
Über die skizzierten drei wesentlichen szenis­chen Grund­muster hin­aus bes­timmt Ari­ane Lud­wig das lit­er­arische Opern­haus vor allem auch als markan­ten Ort der Inter­tex­tu­al­ität: Durch Ein­blendung der Büh­nen­hand­lung in den Prosa­text wer­den zwei Hand­lungsebe­nen engge­führt, auf dass sich Bezüge zwis­chen Motiv­en und Hand­lungssträn­gen auf bei­den Ebe­nen ergeben. Nicht von unge­fähr stellt der Opernbe­such daher häu­fig ein wesentlich­es Moment, einen Wen­depunkt im Prozess der Selb­sterken­nt­nis ein­er fik­tiv­en Fig­ur dar und erhält damit auch Gelenk­funk­tion inner­halb lit­er­arisch­er Hand­lung.
Der Reigen der Lit­er­aturbeispiele und Autoren­na­men span­nt sich etwa von Hon­oré de Balzac, Gus­tave Flaubert und E.T.A. Hoff­mann über Peter Altenberg, die Brüder Mann, Stend­hal und Tol­stoi bis hin zu Georg Kaiser, Thomas Bern­hard, John Irv­ing und viele weit­ere mehr. Eine weitaus­greifende Lit­er­atur-Schau, ein gewaltiger Lek­türe-Durch­gang. Erhel­lend dabei auch die Seit­en­blicke auf den gestal­ter­ischen Umgang mit dem The­ma in den Bere­ichen der bilden­den Kun­st und des Films.
Schade nur, dass die Über­schriften zu den ins­ge­samt 14 Kapiteln unnötig ver­rät­selt erscheinen, wom­it Zuord­nun­gen erschw­ert wer­den, und dass die dick­leibige Veröf­fentlichung als schlussendlich wenig prak­tik­able Paper­back-Aus­gabe daherkommt. Gle­ich­wohl, die Wirkkraft des Opern­haus­mo­tivs wird genau­so philol­o­gisch-präzise wie höchst lesenswert aus­geleuchtet. Wer Lit­er­atur liebt und gerne Opern(-häuser) besucht, für den liegt hier fra­g­los ein großes Buch bere­it.
Gun­ther Diehl