Fürstauer, Johanna / Anna Mika

Oper, sinnlich

Die Opernwelten des Nikolaus Harnoncourt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Residenz, St. Pölten/Salzburg 2009
erschienen in: das Orchester 06/2010 , Seite 61

„Die Oper ist die sinnlich­ste aller Kun­st­for­men.“ Mit einem solchen Satz zu begin­nen erscheint als wahre Her­aus­forderung. Wie lässt sich Sinnlichkeit messen, allein in der Aufzäh­lung beim Zusam­men­spiel zahlre­ich­er Kün­ste? Atmet dieser Satz nicht apodik­tis­che Lüfte eines Wag­n­er, gegen den Thomas Mann, nicht unbe­d­ingt als unsinnlich zu beze­ich­nen, in seinen späteren Jahren harsche Kri­tik übte ob der synäs­thetis­chen, mul­ti­me­di­al überdi­men­sion­ierten Ver­messen­heit?
Wer so fragt, wählt einen falschen Weg als Zugang zu diesem Buch. Hier will genossen sein, Oper, sinnlich eben, ohne Fra­gen, mit Hingabe und Inter­esse. Aber gibt es dazu nicht schon genug Lit­er­atur? Wom­öglich schon, aber nicht in der Art und Weise, dass von Beginn an eine Per­spek­tive genom­men wird, die zunächst eng wirkt, in dieser Enge dann aber einen weit­en Hor­i­zont gewährt. Oper durch das Wirken Niko­laus Harnon­courts betra­chtet, der gle­ich am Anfang des Buchs mit vier Fra­gen kon­fron­tiert wird und mit klaren State­ments aufwartet. Das wirkt wie unmit­tel­bare Begeg­nung mit der Oper durch den Musik­er; und das Buch hält, was es dies­bezüglich ver­spricht.
Der Über­gang zum his­torischen Ursprung der Oper – Mon­teverdis Or­feo – gelingt dann naht­los, denn Harnon­court hat sich bekan­ntlich gründlich und inno­v­a­tiv hin­sichtlich der Auf­führung­sprax­is mit der „Renais­sanceop­er“ auseinan­derge­set­zt. Aber wir gewin­nen noch viele weit­ere Ein­blicke in die wech­sel­haften Auf­führungs­geschicht­en, von Mon­teverdis Inten­tio­nen bis zu Hin­demiths Engage­ment im 20. Jahrhun­dert, das den Zugang zum Werk maßge­blich prägte. Und so wer­den wir durch die Jahrhun­derte getra­gen mit deut­lichem Schw­er­punkt auf Mozart (dem „Zen­it am Opern­him­mel“), bis zu Straw­in­skys Rake und Gersh­wins Por­gy and Bess.
Wer über diese Wahl des Auss­chnitts Oper, sinnlich nicht nach­denken muss, dem sei das Buch emp­fohlen als eine leichte, zugle­ich anre­gende und auch sehr bil­dungsre­iche Lek­türe, schön ergänzt durch Fotos von Proben und Auf­führun­gen. Beson­ders auf­schlussre­ich sind die vie­len Zitate aus ver­schieden­sten Per­spek­tiv­en, – von Kom­pon­is­ten über zeit­genös­sis­che Orch­ester­musik­er – und natür­lich aus­giebig von Harnon­court selb­st. Gele­gentlich wer­den dann auch ästhetis­che Posi­tio­nen vorge­führt, wie z.B. das notwendi­ge Ver­ste­hen der Musik als Voraus­set­zung für eine angemessene Insze­nierung.
Aber das Nach­den­kliche ist nicht die Stärke des Buchs, will es auch gar nicht sein. Eben­so müh­e­los les­bar wie ein Opern­führer oder ein Pro­grammheft ver­mag Oper, sinnlich durch bemerkenswerte Vielschichtigkeit zu überzeu­gen. Vor allem erweist sich das Buch hin­sichtlich der Auf­führungs­geschicht­en als äußerst span­nend. Von den weg­weisenden Mon­tever­di-Zyklen im Zürich der 1970er Jahre und der fast quälen­den Auseinan­der­set­zung mit Mozarts Idome­neo, die in Harnon­courts gle­ichzeit­iger Diri­gen­ten- und Regi­etätigkeit gipfelte, find­en wir den Meis­ter „auf den Bar­rikaden“, um für Schu­manns verkan­nte Gen­ove­va zu kämpfen. Eine Reise durch den Opernkos­mos, im ständi­gen Dia­log zwis­chen den Zeit­en. Und Wag­n­er bleibt außen vor.
Stef­fen A. Schmidt