Steinke, Tim

Oper nach Wagner

Formale Strategien im europäischen Musiktheater des frühen 20. Jahrhunderts

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2011
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 68

Ende des 19. sowie im begin­nen­den 20. Jahrhun­dert kon­nte sich kein Kom­pon­ist des Musik­the­aters der Auseinan­der­set­zung mit dem Werk
Richard Wag­n­ers entziehen. Wobei ein auf unter­schiedlichen dra­matur­gis­chen oder musikalis­chen Ebe­nen ange­siedeltes Epigo­nen­tum, eine kreative Aneig­nung und Fort­führung, aber eben­so die radikale Abkehr vom als schi­er über­mächtig emp­fun­de­nen „Vor­bild“ zu den het­ero­ge­nen For­men dieses kom­plex­en Prozess­es gehören. Eduard Hanslick, bekan­nter­maßen kein Fre­und Wag­n­ers, fasste es so zusam­men: „Wer nicht wag­ner­isch kom­poniert, der ist heute so gut wie ver­loren, und wer es thut, ist’s erst recht.“ Der amerikanis­che Musikhis­torik­er Don­ald J. Grout wertete, dass „die Entwick­lung des musikalis­chen Dra­mas die Bedeu­tung habe, als sei ein neuer Plan­et in das Son­nen­sys­tem geschleud­ert wor­den“.
Trotz viel­er Lit­er­atur über die unter­schiedlichen Wirkun­gen Wag­n­ers auf die Opern­nach­welt sind Arbeit­en eher sel­ten, die die Wirkung Wag­n­ers auf ihm fol­gende Kün­stler expliz­it und ana­lytisch im Detail behan­deln. Tim Steinke hat in sein­er bei Bären­re­it­er lei­der für die Les­barkeit nur rudi­men­tär über­ar­beit­eten Dok­torar­beit tiefer­ge­hend die Auswirkun­gen Wag­n­ers auf so unter­schiedliche Kom­pon­is­ten wie Richard Strauss (Die Frau ohne Schat­ten), Gia­co­mo Puc­ci­ni (La Fan­ci­ul­la del West), Karol Szy­manows­ki (Król Roger), Paul Dukas (Ari­ane et Barbe-Bleue) und Franz Schrek­er (Die Geze­ich­neten) unter­sucht.
Anhand detail­re­ich­er Analy­sen kommt Steinke zu dem let­ztlich überzeu­gen­den Schluss, dass die kom­pos­i­torische Wirkung Wag­n­ers „nicht am Ende der Spätro­man­tik“ von ein­er „Neuen Musik abgelöst wurde, son­dern sich bis weit in das 20. Jahrhun­dert erstreck­te“. Von dem von Wag­n­er selb­st kri­tisch gese­henen und von Steinke entsprechend dif­feren­ziert benutzten Begriff des „Leit­mo­tivs“ aus­ge­hend zeigt der Autor, in welch unter­schied-
lich­er Weise diese Kat­e­gorie für die fünf vorgestell­ten Musik­the­ater­w­erke bedeut­sam wurde. Dabei wird von Steinke aber immer wieder die Dra­maturgie der jew­eili­gen Werke in Verbindung zu den ange­wandten unter­schiedlichen Kom­po­si­tion­stech­niken geset­zt.
Dass keines der fünf Musik­the­ater­w­erke Gefahr läuft, unter die Kat­e­gorie des „Epig­o­nalen“ zu ger­at­en – Opern, für die dies gel­ten kön­nte, wer­den vom Autor kein­er umfänglichen Betra­ch­tung unter­zo­gen –, dies liegt, wie die Darstel­lung zeigt, ein­er­seits an der sehr indi­vidu­ellen Annäherung an Wag­n­ers Kom­po­si­tion­stech­niken. Es liegt aber auch an der dra­matur­gis­chen Legit­imierung und an den kreativ­en Frei­heit­en der ange­sproch­enen Musik­er, die – so z.B. Szy­manows­ki und Schrek­er – Ele­mente wie die des Tableaus aus der franzö­sis­chen Grand Opéra für ihr Schaf­fen nutzbar machen.
Steinke ist mit Oper nach Wag­n­er nicht nur eine Veröf­fentlichung gelun­gen, die die teil­weise weit ver­streute Lit­er­atur zum The­ma zusam­men­fasst, einord­net und kri­tisch disku­tiert. Der Erken­nt­nis­gewinn sein­er Analy­sen der zwis­chen 1907 und 1926 ent­stande­nen Werke und die daraus für eine weit­erge­hende Ver­tiefung des The­mas sich ergeben­den Erken­nt­nisse sind immens.
Wal­ter Sch­neck­en­burg­er