Heinemann, Michael / Kristel Pappel (Hg.)

Oper mit Herz

Das Musiktheater des Joachim Herz. Bd. II: Zwischen Romantik und Realismus. Bd. III: Musiktheater in der Gegenwart

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dohr, Köln 2011/2012
erschienen in: das Orchester 07-08/2012 , Seite 69

Sachver­stand, Weit­blick, Pas­sion: Dies alles kann man dem The­ater­mann Joachim Herz ohne mit der Wim­per zu zuck­en bescheini­gen – aber darüber verfüg(t)en auch etliche Beruf­skol­le­gen, ältere wie jün­gere, Wes­sis wie Ossis. Nein, dass der Autor dieser hier gesam­melt abge­druck­ten Pro­grammheft­texte, Vorträge, Kom­mentare und Briefe über die nötige Qual­i­fika­tion ver­fügt, ver­ste­ht sich von selb­st.
Was die Schriften des Dres­d­ner Opern­regis­seurs und Inten­dan­ten Joachim Herz zugle­ich eint wie ausze­ich­net, ist die sym­pa­this­che Sub­jek­tiv­ität. Schon beim ersten Beitrag des let­zten Ban­des (standes­gemäß inter­essiert einen die „Gegen­wart“ spon­tan am meis­ten) wird man zunächst fasziniert, dann gefes­selt und schließlich begeis­tert ob der ehrlichen Men­schlichkeit, die aus diesen Worten spricht. Ein hochange­se­hen­er Kun­stschaf­fend­er erin­nert sich an seine Anfänge in der jun­gen DDR. Armut, Zer­störung, ide­ol­o­gis­che Verun­sicherung über­all, und mit­ten­drin junge Dresd­ner Stu­den­ten, mutig, unver­stellt, bere­it, für die Kun­st und ihre Ver­wirk­lichung jedes Opfer einzuge­hen: „Wenn im Win­ter die Tem­per­a­turen mal so tief fie­len, dass nicht nur die Hochschule nicht mehr geheizt wer­den kon­nte, son­dern auch keine Bahn mehr fuhr, dann pil­gerten wir von einem Lehrer zum anderen, und wer kein Klavier mehr hat­te von wegen aus­ge­bombt, der saß bei friedlichen Tem­per­a­turen sowieso des Mor­gens 7.00 Uhr in der Hochschule an einem der Flügel und übte.“
Solch ein Auftritt macht neugierig – und wirk­lich, unweiger­lich wan­dert der Leser von einem Kapi­tel zum näch­sten, will zu jedem erwäh­n­ten Stück (es sind der­er genug!), zu jedem Kom­pon­is­ten (deren Aufzäh­lung gere­icht einem Opern­lexikon zur Ehre) und zu jed­er Insze­nierung die Deu­tung und Sichtweise dieses Mannes erfahren, der keine Szene bedi­ent, keinem Starkult huldigt – und von Seite zu Seite wird deut­lich­er: Hier ist ein wahrer Human­ist am Werk. Ein­er, der stets den Men­schen ins Zen­trum sein­er Arbeit stellt (auch in Bezug auf die Mitwirk­enden, seien es Sänger oder Büh­ne­nar­beit­er). Wenn Joachim Herz die Zitate orig­i­nal-
getreu auf Alt­griechisch schreibt und die Stu­den­ten­par­tys ety­mol­o­gisch kor­rekt als „Fêten“ benen­nt, dann wird einem ganz wehmütig ums Herz: Was ist doch unsere „mod­erne“ Sprache arm und far­b­los gewor­den!
Das Herz, so sagen die Human­is­ten, verbindet den Kopf mit dem Bauch und ermöglicht dadurch erst die Men­schlichkeit. Die Men­schlichkeit ist es doch, die wir in der Kun­st erfahren wollen – Mit­fühlen, Mitlei­den, Mit­freuen! In diesen Tex­ten ist das möglich, weshalb die Samm­lung selb­st ein Kunst­werk ist, das den Helden, der das Herz im Namen trägt, unsterblich macht: „Ich will Sie nicht weit­er aufhal­ten mit solchen Din­gen, mit solch­er Prosa, die uns natür­lich kein Hin­der­nis waren; im Hür­den­lauf waren wir trainiert, und das Maul gehal­ten haben wir, soweit ich mich erin­nere, eigentlich nie.“
Sibylle Kayser