Schubert, Franz / Mario Wiegand

Oktett für Klarinette, Horn, Fagott und Streicher F-Dur D 803 / Dunkle Lichter. Oktett für Klarinette, Horn, Fagott und Streicher

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Es-Dur ES 2051
erschienen in: das Orchester 10/2014 , Seite 77

„…ich com­ponirte 2 Quar­tet­ten […] und ein Octett, und will noch ein Quar­tet­to schreiben, über­haupt will ich mir auf diese Art den Weg zur großen Sin­fonie bah­nen“, so lässt Schu­bert seinen Fre­und, den Maler Leopold Kupel­wieser, im März 1824 wis­sen. Tat­säch­lich hat Schu­berts Oktett wahrhaft himm­lis­che, sin­fonis­che Län­gen, und nicht nur darin liegt die Her­aus­forderung für eine Kam­mer­musik-For­ma­tion, die sich diesem großar­ti­gen Werk wid­met. Da sind die vir­tu­os konz­ertieren­den Stim­men für die erste Vio­line und die Klar­inette, da müssen sich die fünf Stre­ich­er in der klan­glichen Bal­ance mit den drei Bläsern miteinan­der abstim­men. Und auch der Hor­nist hat einen anspruchsvollen solis­tis­chen Part.
Das East Side Oktett, acht Musik­er aus dem Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin, überzeugt hier mit ein­er reifen musikalis­chen Leis­tung sowie ein­er detail­ge­nau erar­beit­eten Inter­pre­ta­tion. Stre­ich­er und Bläs­er find­en sich zu einem wun­der­bar war­men Gesamtk­lang zusam­men. Die vir­tu­osen wie die lyrischen Soli wer­den bei Geiger Philipp Beck­ert oder bei Hor­nist Uwe Hol­jew­il­ken und dem unge­heuer sen­si­blen Klar­inet­tis­ten Oliv­er Link zum Leucht­en gebracht, da hört man ein feines Gespür für
die so kon­trastieren­den Emo­tio­nen in Schu­berts Oktett.
Anders als Schu­bert ver­ste­ht der 1970 in Chem­nitz geborene Mario Wie­gand sein Oktett Dun­kle Lichter rein kam­mer­musikalisch. Das Werk ent­stand als Auf­tragskom­po­si­tion des CD-Labels Es-Dur, es sollte Kon­trast und Ergänzung zu Schu­berts Oktett sein. Wie­gand exper­i­men­tiert mit den Reizen der Klang­far­ben-Möglichkeit­en durch ver­schieden­ste Ins­tru­menten-Kom­bi­na­tio­nen. Spiel­tech­niken wie Tremoli oder Fla­geo­letts nutzt der Kom­pon­ist, um Hell-Dunkel-Kon­traste entste­hen zu lassen. Die Farb­wech­sel struk­turi­eren das Werk auch. Mit ein­fachen, wirkungsvollen Mit­teln wird so die for­male Anlage gut nachvol­lziehbar. Ähn­lich wie bei Schu­bert übernehmen Vio­line, Klar­inette und Horn bei Mario Wie­gands Dun­klen Lichtern her­vortre­tende melodis­che Auf­gaben. Doch auch die anderen Stim­men haben gesan­gliche Qual­itäten. Es gibt Abschnitte mit einem dicht­en poly­fo­nen Gewebe und melodis­ch­er Eigen­ständigkeit in jed­er Stimme. Dabei fasziniert, wie sen­si­bel und zart Wie­gand seine Klänge gestal­tet. Den Musik­ern ver­langt er außer­dem durch kom­plexe rhyth­mis­che Ver­schachtelun­gen eine inten­sive Auseinan­der­set­zung mit seinem Werk ab. Eine Auf­führung mit Diri­gent ist hier zu empfehlen, das East Side Oktett hat hier Marek Janows­ki, den Chefdiri­gen­ten des Rund­funk-Sin­fonieorch­esters Berlin, an sein­er Seite.
Sowohl im Oktett von Mario Wie­gand wie auch bei Schu­berts Meis­ter­w­erk beein­druckt das East Side Oktett durch seine tiefe und ern­ste Herange­hensweise, bei der jedoch die Musizier­freude nicht zu kurz kommt. Ger­ade bei Schu­berts Oktett gibt es bere­its einige sehr gute Ein­spielun­gen mit bekan­nten Solis­ten; das East Side Oktett Berlin fügt nun eine weit­ere exzel­lente hinzu.
Elis­a­beth Richter