Koechlin, Charles

Offrande Musicale

sur le nom de Bach op. 187 pour orchestre, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Gérard Billaudot, Paris 2011
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 65

Charles Koech­lin, franzö­sis­ch­er Musik­er elsäs­sisch-protes­tantis­ch­er Herkun­ft, erlebte den Beginn des Zweit­en Weltkriegs als per­sön­liche Katas­tro­phe: Sein Schaf­fen kam für zwei Jahre völ­lig zum Erliegen. Koech­lins nach dieser Zäsur 1942 konzip­ierte, 1946 orchestri­erte Offrande Musi­cale sur le nom de Bach kann man als Beken­nt­nis gegen alle Nation­al­is­men in der Kun­st begreifen: Zum einen huldigt der Kom­pon­ist mit der Titel-Anspielung auf das Musikalis­che Opfer und der Ver­wen­dung der Ton­buch­staben B‑A-C‑H dem Geist Bachs, doch geschieht dies mit typ­isch franzö­sis­ch­er Klang-Delikatesse.
Eine öffentliche Dar­bi­etung des Gesamtwerks kon­nte Koech­lin nicht mehr erleben; erst im Jahr 1973 fand dessen Urauf­führung in Frank­furt am Main durch das dor­tige Radio Sym­phonie Orch­ester unter Juan Pablo Izquier­do statt, dem eine zweite Präsen­ta­tion beim Europäis­chen Musik­fest 2008 der Inter­na­tionalen Bachakademie fol­gte. Die Sel­tenheit von Auf­führun­gen wun­dert nicht bei all den Mit­teln, welche der Kom­pon­ist fordert: Das groß beset­zte Orch­ester mit 106 Instru­men­tal­is­ten sieht vier­fach­es Holz, fünf Hörn­er, fünf Trompe­ten, vier Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagzeug und Stre­ich­er vor, dazu noch je ein Sopran‑, Alt- und Tenor­sax­o­fon sowie Orgel, Klavier und Ondes Martenot. Entsprechende Dimen­sio­nen weist die vor­liegende Orch­ester­par­ti­tur auf, die sich am Schluss in 31 Sys­teme verzweigt.
Die Vielfalt wird jedoch meist sehr dif­feren­ziert einge­set­zt, und oft sind in ganz sub­til­er Weise Stim­men mit Stre­ich­ern und Bläsern gemis­cht beset­zt, sodass dadurch eine raf­finierte Far­bigkeit des Klangs entste­ht. Beson­ders eigen­willig wirkt jedoch, dass im Zen­trum der Offrande ein ganz dem Klavier vor­be­haltenes „Album­blatt“ ste­ht, bis zu dem sich der Klang vom Anfangschoral aus ab- und von dort zum tri­umphalen Finale hin wieder auf­baut.
Unter den zwölf einzel­nen, manch­mal zusät­zlich unter­gliederten Num­mern des Werks find­en sich „Canons“, „Con­tre­points“, Fugen, ein „Choral“ und eine „Pas­sacaille“, aber auch einige mit „Fleuri“ beze­ich­nete Abschnitte stren­geren oder freieren Kon­tra­punk­ts. Das Arti­fizielle der Par­ti­tur ist im Noten­text demon­stra­tiv her­vorge­hoben, wo die einzel­nen „Stret­to“ genan­nten Engführun­gen, Umkehrun­gen, Aug­men­ta­tio­nen und Diminu­tio­nen aus­drück­lich beze­ich­net sind. Eine Spezial­ität ist die an vor­let­zter Stelle ste­hende „Fugue symétrique“, die dem Dilem­ma zwis­chen real­er und tonaler Beant­wor­tung des The­mas ent­ge­ht, indem sie die zweite Stimme im Tri­tonus­ab­stand ein­set­zen lässt.
Zyk­lis­che Auf­führun­gen der gesamten Offrande wer­den wohl des Aufwands wegen weit­er­hin Aus­nahme bleiben, aber zahlre­iche ger­ingstim­mig beset­zte Abschnitte – manch­mal für Stre­ich­er bzw. Bläs­er einzeln bes­timmt oder, wie die „Pas­sacaille“ für fün­f­s­tim­mi­gen Stre­ich­er­satz und Orgel – kön­nten leicht einzeln ihren Weg in die Musizier­prax­is find­en und ein weit­eres Mal zeigen, dass zwis­chen poly­fon­er Kon­struk­tion und Sinnlichkeit in der Erschei­n­ung kein Wider­spruch beste­hen muss.
Ger­hard Dietel