Piazzolla, Astor

Oda para un hippie

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Edition Günter Hänssler PH 05010
erschienen in: das Orchester 02/2006 , Seite 88

Der argen­tinis­che Kom­pon­ist Astor Piaz­zol­la ist erst in jüng­sten Jahren, vor allem aber nach seinem Tod im Jahr 1992 weltweit bekan­nt und berühmt gewor­den. Seine lateinamerikanis­che Herkun­ft weist schon auf sein Haupt­tätigkeits­feld als Kom­pon­ist und Inter­pret hin: die südamerikanis­che Musik. Piaz­zol­la genoss eine fundierte, pro­fes­sionelle Aus­bil­dung als Kom­pon­ist, Ban­do­neon­spiel­er und Diri­gent, u.a. bei Alber­to Ginastera, Nad­ja Boulanger und Her­mann Scherchen. Er kom­ponierte Bal­lettmusiken, Sym­phonien, Ora­to­rien und eine Oper. Erst spät spezial­isierte er sich auf die lateinamerikanis­che Folk­lore und wid­mete sein Schaf­fen der Ver­bre­itung des argen­tinis­chen Tan­gos als ser­iös­er Konz­ert­musik. In dieser Hin­sicht ste­ht er exem­plar­isch für eine Ver­schmelzung von Pop­u­lar­musik und Avant­garde.
Auf der CD find­en sich zwölf Stücke Piaz­zol­las aus ver­schiede­nen Schaf­fenspe­ri­o­den. Sie bie-ten einen repräsen­ta­tiv­en Quer­schnitt seines Schaf­fens. Hel­mut Abel, der den Kom­pon­is­ten noch per­sön­lich kan­nte und ihm fre­und­schaftlich ver­bun­den war, ist ein authen­tis­ch­er Inter­pret der Werke Piaz­zol­las. Die Stücke hat er selb­st aus­ge­sucht und für Stre­ichquar­tett und Ban­do­neon bear­beit­et.
Damit fol­gt er dur­chaus ein­er Tra­di­tion und auch der Inten­tion des Kom­pon­is­ten, der in den let­zten Jahren seines Lebens mit ver­schiede­nen, unter­schiedlich beset­zten Ensem­bles reiste und so seine Musik vor allem in Europa bekan­nt machte. Von vie­len Stück­en gibt es bis zu zwanzig ver­schiedene Bear­beitun­gen, wobei man keine als allein verbindlich anse­hen kann. Die zwölf Stücke zeigen eine große Vielfalt an For­men, Melo­di­en und Klang­far­ben. Neben eini­gen Tan­gos gibt es auch ver­schiedene Arten der Rum­ba und ander­er Tan­zarten, ohne dass das im Titel immer so erscheint.
Gle­ich im ersten Stück zeigen sich die Vorzüge von Kom­po­si­tion und Inter­pre­ta­tion. Eine sinnliche, typ­isch südamerikanis­che Melodie wird von leb­haften, teil­weise aggres­siv­en Rhyth­men grundiert. Das Ban­do­neon spielt dazu anhal­tende, dis­so­nante Akko­rde. Das zweite Stück Novi­tan­go erin­nert mit sein­er osti­nat­en synkopis­chen Rhyth­mik und Motivik an Straw­in­sky, qua­si ein „Straw­in­sky mit sinnlich­er Melodik“. In vie­len Stück­en set­zt Abel auch Geräusche zur Inten­sivierung des Rhyth­mus ein. Die Spielerin­nen des Quar­tetts set­zen ihre Instru­mente auch perkus­siv ein: Klopfen auf dem Kor­pus, Schla­gen des Bogens auf die Sait­en, col leg­no-Spiel und Stre­ichen hin­ter dem Steg.
Her­vorzuheben sind noch drei Stücke als beson­ders delikat. Kicho enthält ein wun­der­volles Cel­loso­lo mit vie­len dif­feren­zierten Spielmo­di und vir­tu­osen Pas­sagen. Als Pen­dant dazu bietet Escua­lo der 1. Vio­line ein vir­tu­os­es, har­monisch sehr reich­es Solo. Chris­tiane Pape (Cel­lo) und Kirsten Harms (Vio­line) beweisen emi­nentes Kön­nen. Coral, eines der bei­den langsamen Stücke, erin­nert etwas an de Fal­la mit sein­er archais­chen Har­monik. Hier glänzt die Bratschistin Annette Fieguth mit ein­er war­men Kan­ti­lene, begleit­et vom Pizzi­ca­to des Cel­los. Ins­ge­samt zeigt das For­tu­na Quar­tett mit Hel­mut Abel eine hörenswerte Auswahl aus Piaz­zol­las Werken.
Otto Junker