Vivaldi, Antonio

Oboe Concertos

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic 98.597
erschienen in: das Orchester 06/2010 , Seite 72

Der ungarische Oboist Lajos Lenc­sés gehört zu den inter­na­tion­al renom­miertesten Vertretern seines Fach­es. Neben sein­er Orch­estertätigkeit – 37 Jahre war er Solo-Oboist des Stuttgarter Radio-Sin­fonieorch­esters des SWR – ist er stets auch mit großem Erfolg als Solist aufge­treten und hat eine immense Zahl von CDs einge­spielt. Seine jüng­ste Auf­nahme ist den Oboenkonz­erten Anto­nio Vivald­is gewid­met. Diese gehören zum Standard­repertoire der Obois­t­en, denn der „rote Priester“ hat unter seinen vie­len Hun­dert Instru­mentalkonz­erten nicht wenige und eine Rei­he beson­ders schön­er der Oboe gewid­met. In seinem sehr per­sön­lichen und emphatis­chen Ein­führung­s­text im Book­let beken­nt Lenc­sés seine Ver­bun­den­heit mit dieser Musik und seine Begeis­terung für sie. Er betont dabei auch die Vielfalt dieses Reper­toires. Nein, Vival­di habe nicht 600 Mal das gle­iche Konz­ert geschrieben. Die vor­liegende CD ist in der Tat der klin­gende Beweis für diese Ein­sicht.
Lajos Lenc­sés weiß jedem einzel­nen der hier einge­spiel­ten sechs Konz­erte eine eigene Farbe zu geben und dessen indi­vidu­elles Pro­fil her­auszuar­beit­en. Zu hören sind die Konz­erte in C‑Dur RV 178, 447 und 452 – hier begleit­en Stre­ich­er des RSO Stuttgart mit Emi­ly Körn­er als Konz­ert­meis­terin – sowie in D‑Dur RV 453, in a‑Moll RV 461 und in B‑Dur RV 548, bei dem an die Seite der Oboe eine Solovi­o­line tritt. Sie wird von Christophe Bian­co gespielt, es begleit­et das Ensem­ble La Fol­lia unter Miguel de la Fuente. Die Auf­nah­men mit La Fol­lia ent­standen schon 1987 in Mul­house im Elsass, die C‑Dur-Konz­erte im Mai 2009 in Stuttgart.
Vor allem bei den Orch­estern ist der Unter­schied deut­lich zu erken­nen. Die Stre­icherin­nen des RSO – nahezu alles Musik­erin­nen, so wie wei­land bei Vival­di in seinem venezian­is­chen Waisen­haus für Mäd­chen – beweisen ihre Kun­st im vibra­tolosen his­torisch informierten Klang und spie­len mit trock­en­er Bril­lanz und sehr beredt in der Phrasierung. Auch La Fol­lia spielt stil­be­wusst, aber mit fül­ligerem Ton und mehr auf die große Lin­ie bedacht.
Lajos Lenc­sés beweist in diesen Auf­nah­men nicht nur seine stu­pende Vir­tu­osität, son­dern vor allem seine bestechende Gestal­tungskun­st. Er ist ein Meis­ter des impul­siv­en, ani­mierend lebendi­gen Spiels, der sub­tilen Phrasierung sowie ein­er aus­drucksvollen, an ele­gan­ten wie sen­siblen Nuan­cen reichen Klan­grede. Diese zwin­gende Präsenz und Deut­lichkeit des Vor­trags ruft in jedem Satz eine unver­wech­sel­bare Stim­mung und Aus­sage her­vor – und ent­fal­tet so eine schillernde Vielfalt an musikalis­chen Charak­teren.
Karl Georg Berg