Shchedrin, Rodion

Oboe Concerto

Klavierauszug vom Komponisten

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2010
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 71

„Als noch leben­der Ast am Baum der rus­sis­chen Musik“: So sieht sich der in Moskau geborene Kom­pon­ist Rodi­on Shchedrin, dessen 2009 geschriebenes Oboenkonz­ert jüngst bei Schott erschien. Der lediglich von aus­ge­bilde­ten Pianis­ten zu bewälti­gende Klavier­auszug stammt vom Kom­pon­is­ten selb­st. Gle­ich vier europäis­che Orch­ester von Rang sind an den in Moskau gebore­nen Tonkün­stler herange­treten und haben das Werk bestellt: das Con­cert­ge­bouw Orch­ester Ams­ter­dam, das Roy­al Liv­er­pool Phil­har­mon­ic Orch­ester, das Orchestre Nationale du Capi­tole de Toulouse und die Dres­d­ner Phil­har­monie. Und so weht­en zwis­chen dem 18. Juni (Urauf­führung in Ams­ter­dam) und dem 30. Okto­ber 2010 (deutsche Erstauf­führung in Dres­den) die Rezen­sio­nen durch den europäis­chen Blät­ter­wald und anderen Medi­en, welche das Werk eifrig zu loben ver­standen.
Tat­säch­lich ist es ein bemerkenswertes Konz­ert. Es enthält – neben kon­tem­pla­tiv­en Momenten im sehr langsamem Zeit­maß mit ein­er sehn­süchti­gen Innen­schau zu Beginn und am Schluss des mit „Ele­gy“ betitel­ten Kopf­satzes – viele folk­loris­tis­che, lied­hafte und bukolis­che Ele­mente, ins­beson­dere in den schnelleren Pas­sagen mit oft wech­sel­nden Tem­pi und synkopis­chen, vor­wärts­drän­gen­den Rhyth­men. Auch die Instru­men­tierung ist sehr far­big mit großem Bläser­ap­pa­rat sowie zahlre­ichen Schlag-
instru­menten, das Orch­ester (bzw. das Klavier) erhielt genü­gend Raum, sich klan­glich zu ent­fal­ten.
Offen­bar ver­ar­beit­ete Shchedrin seine Kind­heit­ser­leb­nisse im rus­sis­chen Prov­inzstädtchen Aleksin. „Hier war die Volksmusik noch sehr lebendig […] Es war nichts Ungewöhn­lich­es, die Rufe und Schalmeien­klänge der Hirten zu hören, die ihre Her­den am anderen Ufer der Oka zusam­men­trieben.“ Die drei Sätze mit einem „Duett“ als Mit­tel­teil zwis­chen der Solo-Oboe und einem melan­cholis­chen Englis­chhorn – ähn­lich wie in Hec­tor Berlioz’ Sym­phonie fan­tas­tique, welch­es „unabläs­sig die Solostimme nachs­ingt bzw. ihr antwortet“ – und einem furiosen „Finale con Epi­log“ fließen über­gangs­los ineinan­der über. Der Epi­log selb­st schließt har­monisch unaufgelöst in sein­er Rückschau den Bogen zum ersten Satz mit wiederum sehr langsamen Tem­pi und viel Chro­matik, gefüh­lvollem Tem­po ruba­to und schmerzvollen Glis­san­di in der Stimme der Solo-Oboe.
Der Solopart ist über weite Pas­sagen rel­a­tiv rasch zu bewälti­gen, ins­beson­dere die schnellen Stellen im let­zten Teil ver­lan­gen vom Solis­ten größte Aufmerk­samkeit, da die Stimme zunehmend vir­tu­os­er wird. Anson­sten legt Shchedrin viel Wert auf Tonkul­tur. Die Solo-Kadenz dage­gen fällt rel­a­tiv knapp aus. Nach seinen eige­nen Worten wollte er „in der Solostimme so deut­lich wie möglich alle klan­glichen und tech­nis­chen Facetten dieses wun­der­baren Instru­ments zum Aus­druck brin­gen“.
Sowohl Klavier­auszug als auch Solostimme sind über­sichtlich und sehr gut les­bar gestal­tet. Den­noch hat lei­der der Kor­rek­tor im Klavier­auszug die Num­mer „52“ überse­hen bzw. diese ste­ht vier Tak­te später, wo eigentlich die „53“ hätte ste­hen müssen; zusät­zliche Tak­tzahlen wären hil­fre­ich gewe­sen.
Wern­er Boden­dorff