Verdi, Giuseppe

Oberto conte di San Bonifacio

Oper in zwei Akten. Oper in zwei Akten. Cappella Aquileia, Czech Philharmonic Choir Brno, Ltg. Marcus Bosch

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Coviello COV 91702
erschienen in: das Orchester 07-08/2017 , Seite 68

Noch vor seinem Nabuc­co trat Giuseppe Ver­di 26-jährig aus dem Schat­ten der bish­er nicht  Wahrgenomme­nen her­aus und schrieb Ober­to, in Mai­land 1839 uraufge­führt – und bekam daraufhin sofort den Auf­trag für drei weit­ere Opern. Was ist nun Ober­to, die zweiak­tige Geschichte vom „klas­sis­chen“ Kon­flikt Tochter/Vater, für die Ver­di-Rezep­tion aus heutiger Sicht? Ein zu Recht vergessen­er Erstling, ein Hoff­nungsstrahl am Beginn der großen Kar­riere im 19. Jahrhun­dert, ein Beweis für Verdis melodis­chen Reich­tum, ein erster Hin­weis auf die drama­tis­che Kraft der ital­ienis­chen Oper am Beginn des Veris­mo? Ein Beispiel für einen Ver­giss-mein-nicht-Start? Sicher­lich von allem etwas.
Musikalisch lässt sich das Stück, wie bei dieser tschechis­chen Auf­nahme von 2016 unter dem Diri­gat von Mar­cus Bosch deut­lich for­muliert, bestens anhören. Die Chöre, die Arien, die Rez­i­ta­tive, die Aktschlüsse, die Steigerung der Emo­tio­nen, die (noch etwas zaghafte) Behand­lung des Orch­esters, das Melos – da deutet sich der große The­atra­lik­er Ver­di an. Noch nicht aus­gereift, aber dur­chaus starke Hin­weise auf Kom­mendes, Großes. Also: Ober­to, richtig ein­ge­ord­net, ist dur­chaus schon ein (manch­mal noch verkappter) „Hör­wurm“. Man ist schon erstaunt, wie pro­fes­sionell mit den Grundpfeil­ern der Hand­lungsstränge umge­ht.
Ric­car­do will Cuniza heirat­en. Das soll der Beginn ein­er neuen Friedense­poche für das Volk um Schloss Bas­sano sein. Leono­ra, der Ric­car­do Jahre zuvor die Ehe ver­sprach, sin­nt auf Rache. Ihr Vater Ober­to schal­tet sich ein und fordert Ric­car­do zum Duell. Cuniza will sich eben­falls an ihm rächen, weil er ihr nicht die Wahrheit sagte. Sie will, dass Ric­car­do zu Leono­ra zurück­kehren soll… Es kommt zum (heim­lichen) Duell und Ober­to stirbt an der Ver­wun­dung, die ihm Ric­car­do zuge­fügt hat. Leono­ra sieht die eigene Schuld ein, geht ins Kloster. Ric­car­do schenkt ihr zuvor noch seinen Besitz. Kein Hap­pyend.
Knapp, knap­per, Ober­to: Alles bei dieser knapp zweistündi­gen Oper ist schon auf den Punkt gebracht. Es gibt wenig heftige Entwick­lung, dafür umso mehr Nul­lkom­manichts-Dra­matik. Die Schwächen (und Unlogik!) der Hand­lung bemerkt man beim Hören kaum, weil man schnell gefes­selt wird von der Rossi­ni- und Belli­ni-nahen Par­ti­tur. Ver­di war noch nicht reif dafür (und hat­te keine Zeit dafür!), Anto­nio Piaz­zas Libret­to entsprechend umzuschreiben, aufzuw­erten, büh­nen­tauglich zu machen.
Die Auf­führung der Opern­fest­spiele Hei­den­heim besitzt für das Charak­ter-Quar­tett gute, engagierte Inter­pre­ten: Woong-Jo Choi, Anna Prince­va, Kate­ri­na Hebelko­va und Adri­an Dumitru garantieren vokale Dra­matik und sichere Bel­can­to-Tech­nik. Die Capel­la Aquileia, das Hei­den­heimer Fest­spielorch­ester, bleibt unter Mar­cus Boschs zügiger Leitung den Zus­pitzun­gen der Tragödie nichts schuldig. Alles klingt bere­its, dazu gehört auch der Phil­har­monis­che Chor aus Brünn. Ob sich Boschs Ein­satz für Ober­to durch weit­ere Ein­studierun­gen auszahlen wird – das wird erst die Zukun­ft bele­gen. Die musikalis­che Sub­stanz jeden­falls überzeugt weit­ge­hend.
Jörg Loskill