Nun ist der Regen hin

Paul Gerhardt Projekt

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Edition Jazz aus Kirchen
erschienen in: das Orchester 04/2018 , Seite 70

Kirchen­lieder und Jazz – das klingt nach ein­er span­nen­den Kom­bi­na­tion. Diese bei­den musikalis­chen Sphären zusam­men­zubrin­gen und neu zu beleucht­en, war das Ziel des Thomas Stahr Trios bei seinem Paul Ger­hardt Pro­jekt. Dabei geht es nicht um amerikanis­che Spir­i­tu­als oder Gospelge­sang, son­dern darum, die Kirchen­lieder des evan­ge­lis­chen The­olo­gen und Lied­dichters Paul Ger­hardt, die aus dem 17. Jahrhun­dert stam­men, zeit­genös­sisch zu inter­pretieren. Das Thomas Stahr Trio kom­biniert die Texte mit Stilmit­teln des Latin, Pop und Jazz, um – wie es im CD-Book­let heißt – eine Welt­musik entste­hen zu lassen. Das Trio beste­ht aus dem Namensge­ber Thomas Stahr am Bass, Wieland Götze am Schlagzeug und Sabine Helm­bold als Sän­gerin.
Die Musik­er geben sich bei den 13 Titeln, die haupt­säch­lich Thomas Stahr arrang­iert hat, einige Mühe, jedem Lied eine indi­vidu­elle Stim­mung zu ver­lei­hen. So erklingt meist ein instru­men­tales Intro mit Loops oder osti­nat­en Pat­terns, über denen impro­visiert wird, bevor der Gesang begin­nt. Ger­hardts Schaf­fen wird also nicht ein­fach durch die Pop-Müh­le gedreht – im Gegen­teil: Die Musik­er ver­suchen den Tex­ten eine weit­ere Deu­tungsebene zu geben. Dabei ist es gar nicht so ein­fach, Ger­hardts ern­ste und religiöse Sprache mit der Unbeschw­ertheit von Pop und Jazz in Ein­klang zu brin­gen. So ergibt sich nicht sel­ten eine Diskrepanz zwis­chen entspan­nten Klän­gen und diesen Tex­ten. Mit dem Groove und Dri­ve der dreiköp­fi­gen Com­bo kann die über 300 Jahre alte Sprache Ger­hardts auch nicht immer Schritt hal­ten.
Sabine Helm­bolds glock­en­klare Stimme trägt viel zur Ver­ständlichkeit der Texte bei; diese bleiben stets in ihrer Orig­i­nalgestalt beste­hen und wer­den nicht etwa durch Abspal­tun­gen von Sil­ben ver­fremdet. Helm­bolds Scat­ting und vokales Impro­visieren erklingt zusät­zlich zu den tra­di­tionellen Stro­phen.
Das wohl bekan­nteste Stück auf dieser CD ist Geh aus, mein Herz, und suche Freud – ein Lied, bei dem auch weniger Kirchen­lied-Bewan­derte sofort die bekan­nte Melodie von August Hard­er im Kopf haben. Diese Melodie hat Ohrwurm-Qual­ität und wird vom Thomas Stahr Trio in sein­er Inter­pre­ta­tion über­nom­men. Mit flot­tem Tem­po und Sam­ba-Rhyth­men will das Arrange­ment die Lebens­freude des Lieds aus­drück­en. Dies gelingt aber nicht ganz, da der binäre Rhyth­mus der alten Melodie nicht so recht zur Begleitung passt. Gle­ich­es gilt für über­mäßige Akko­rde, die sich nicht richtig mit der klaren Durhar­monik des Liedes verbinden wollen.
Ob sich für den Hör­er eine runde Sache aus diesen Neukom­po­si­tio­nen ergibt und die Gerhardt’sche Spir­i­tu­al­ität, die aus einem längst ver­gan­genen Jahrhun­dert stammt, mit der zeit­genös­sis­chen, effek­tvollen, pulsieren­den Ton­sprache verbinden kann, bleibt ihm und ihr selb­st über­lassen. Musikalisch und auf­nah­me­tech­nisch gibt es bei dieser Ein­spielung nichts zu bean­standen. Das Book­let bein­hal­tet gemäß dem Ansatz, die Ger­hardt-Poe­sie ins Zen­trum zu stellen, sämtliche Texte zum Nach­le­sen.
Desiree May­er