Fiestas, Luis

Nueva America 1 und 2

Streichquartett, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Varner, München 2004
erschienen in: das Orchester 02/2006 , Seite 81

Tan­gos und südamerikanis­che Musik ganz all­ge­mein liegen im Trend. Und viele klas­sis­che Musik­er – allen voran beispiel­sweise Gidon Kre­mer oder Yo-Yo Ma – wid­men sich mit Engage­ment und großem Erfolg den Rhyth­men und Klän­gen Lateinamerikas. Da liegt es nahe, auch die „klas­sis­che“ For­ma­tion Stre­ichquar­tett mit Musik aus Argen­tinien, Chile oder auch Peru zu kon­fron­tieren.
Luis Fies­tas hat in den bei­den bei Varn­er her­aus­gekomme­nen und Nue­va Amer­i­ca über­schriebe­nen Bän­den je zwei südamerikanis­che Stim­mungs­bilder für die zweifel­los zen­trale abendländis­che Musik­gat­tung Stre­ichquar­tett ent­wor­fen, die das Feuer und die Robus­theit der Folk­lore, aber auch die Ele­ganz der klas­sis­chen Schreib­weise vere­inen. Die ger­aden Zweier- und Vier­ertak­te und das aufgeräumte und saubere Noten­bild gaukeln dabei aber nur auf den ersten, flüchti­gen Blick eine Ein­fach­heit vor, die sich im Zusam­men­spiel – und natür­lich im richti­gen Tem­po – dann nicht mehr ein­stellt. Bleibt auch jede Stimme für sich hin­sichtlich der tech­nis­chen Anforderun­gen im mod­er­at­en Rah­men, so fordern die Inter­ak­tion und der gemein­same „Gang auf die Tanzfläche“ doch das ganze Ensem­ble, soll aus den Minia­turen Fies­tas’ ein musikalis­ches Fest wer­den.
Ein­er „Auf­forderung zum Tanz“ kommt der ein­lei­t­ende Alle­gro-Satz „Boni­ta“ mit seinen knack­i­gen, akko­rdis­chen Begleit­fig­uren und den aus­laden­den Melodiebö­gen gle­ich – im Mit­tel­teil kon­tra­punk­tiert durch einen ruhigeren, noch san­glicheren Fluss der Musik. Die „Bal­a­da“ ist dann großes Kino für die Ohren. Nach einem ver­hal­te­nen Beginn, zu dem der Kom­pon­ist am Schluss wieder zurück­find­et, darf sich das gesamte Ensem­ble in großer musikalis­ch­er Geste üben, darf klan­glich über sich hin­auswach­sen und muss ver­suchen, ein ganzes Orch­ester samt einiger Gitar­ren zu imi­tieren.
Der zweite Band bringt mit „Cupi­do Dormi­do“ und „Péru Queri­do“ zwei vielgestaltige musikalis­che Bilder mit klaren Struk­turen und vie­len kleinen Farb­nu­an­cen, wobei die Hom­mage an Peru erwartungs­gemäß etwas robuster und rhyth­misch pointiert­er aus­fällt. Alles in allem bilden die vier Sätze eine klar akzen­tu­ierte, über­schaubare und tech­nisch dur­chaus mit mod­er­at­en Mit­teln zu meis­ternde Reise durch Lateinameri­ka, die für neue Sin­ne­sein­drücke offene Stre­ichquar­tet­tfor­ma­tio­nen dur­chaus ein­mal auf ihren Fahrplan set­zen soll­ten.
Daniel Knödler