Hiller, Wilfried

Niobe

Trio für Violine, Violoncello und Klavier, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2002
erschienen in: das Orchester 03/2004 , Seite 81

„Unam min­i­mamque relinque!“ – „Die Einzige lass mir, die Jüng­ste!“, fle­ht Niobe in Ovids Meta­mor­pho­sen. Doch vergebens: Die Zwill­inge Apol­lo und Artemis vol­len­den ihre furcht­bare Rache, ein weit­er­er Pfeilschuss tötet auch das let­zte der vierzehn Kinder Niobes vor ihren Augen. Grausamer hätte die Bestra­fung der hochmüti­gen Mut­ter, die zuvor Leto her­aus­ge­fordert hat­te, nicht sein kön­nen. Im Schmerz erstar­rt Niobe zu Stein, nur ihre Trä­nen rin­nen unabläs­sig am Mar­mor herab. Dieser Stoff der griechis­chen Mytholo­gie, den Ovid in seinen Meta­mor­pho­sen erzählt und der auch in einem Dra­men­frag­ment von Ais­chy­los über­liefert ist, hat den Münch­n­er Kom­pon­is­ten Wil­fried Hiller seit sein­er Stu­dien­zeit immer wieder beschäftigt. Die Liebe zur griechis­chen Antike und zum Land der Hel­lenen führte 1975 zur Kom­po­si­tion sein­er Fernse­hop­er Niobe. Zwanzig Jahre später hat er musikalis­ches Mate­r­i­al der Oper erneut aufgenom­men und als Trio für Vio­line, Vio­lon­cel­lo und Klavier bearbeitet.
In diesem sein­er Frau Elis­a­beth Wos­ka und dem Munch-Trio gewid­me­ten Kam­mer­musik­w­erk ori­en­tiert sich Hiller an aus­gewählten Versen Ovids und Ais­chy­los’, die an mehreren Stellen in den Noten mit­geteilt wer­den. Die Musik set­zt mit dem Klagege­sang der Niobe ein, anges­timmt in ein­er Kan­ti­lene im Vio­lon­cel­lo – Mate­r­i­al, aus dem sich der erste Teil des Stücks entwick­elt. Mit der Textzeile „Ein Gott allein, der Tod“ aus dem Frag­ment des Ais­chy­los entwirft Hiller das zweite zen­trale Motiv, das zunächst auf dem Ton a in ein­er indi­vidu­ellen rhyth­mis­chen Gestalt exponiert wird. Auf dem Höhep­unkt der Steigerung wech­selt der musikalis­che Stil; die inten­sive Schlichtheit der barock­en Ton­sprache eines zitierten Abschnitts aus der Oper Niobe von Agosti­no Stef­fani (1654–1728) leit­et die Meta­mor­phose der Niobe – ihre Ver­steinerung – ein. Der Prozess der Ver­steinerung wird mit insistieren­den Ton­rep­e­ti­tio­nen in den höch­sten Reg­is­tern musikalisch weit­er aus­gestal­tet und mün­det in einen instru­men­tal­en Gesang des eben­falls getöteten Ehe­manns Amphion: der Traum vom ver­lore­nen Paradies.
Der Schott-Ver­lag hat Hillers zehn­minütiges, eben­so drama­tis­ches wie bewe­gen­des Klavier­trio Niobe in ein­er tadel­losen Edi­tion veröf­fentlicht. Eine aus­führliche Ein­leitung informiert über den mythol­o­gis­chen Hin­ter­grund des Sujets und Hillers per­sön­liche Nei­gung zur griechis­chen Mytholo­gie. Alle Stim­men bestechen durch ein angenehmes Druck­bild; das Zusam­men­spiel wird durch die großzügi­gen Stich­noten in den Stre­ich­er­stim­men sehr erleichtert.
Felix Wörn­er