Nikolai Kapustin

Concerto No. 2 op. 103 für Violoncello und Streichorchester

Klavierauszug von Thomas Ang

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Schott Music, Mainz
erschienen in: das Orchester 6/2026 , Seite 73

Erst in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens erhielt Nikolai Kapustin vermehrt internationale Anerkennung für sein kompositorisches Schaffen. Er starb 82-jährig 2020 in Moskau. Spezifisch für seine Stücke ist, dass sie wie Jazz-Stücke wirken, doch komplett ausnotiert sind. Seine klang- und satztechnische Basis bilden Klavier und Bigband. Kapustin selbst war Pianist in Bigbands sowie sinfonischen Jazz- und Filmmusikorchestern, ebenso deren Arrangeur und Komponist. In seine Klavierkonzerte bezieht er partiell eine Bigband in das Orchester ein. Kapustins Stücke zeichnen sich durch klangliche Brillanz und hohe Virtuosität aus.
In Zusammenarbeit mit dem Cellisten Alexander Zagorinsky entstand eine Reihe von Werken für Cello, neben Einzelstücken zwei Sonaten und zwei Konzerte. Das erste Cellokonzert (1997) ist breit angelegt, es erfordert eine große Besetzung, das zweite (2002) ist das kleinere, häufiger gespielte Pendant. Überaus gelungen ist die im Kontakt mit dem Komponisten entstandene Aufnahme der Cellistin Christine Rauch. Ist dieses Konzert in der Besetzung Solo-Cello und Streichorchester von Kapustins klanglichen Ursprüngen recht entfernt, enthält es auch Passagen, die Jazz-Arrangements nahekommen, insbesondere im Akkordsatz und in den Voicings.
Das zweite Cellokonzert von Kapustin ist traditionell dreiteilig aufgebaut, zwischen zwei belebten Sätzen steht ein langsamer Mittelsatz. Das anfängliche Allegretto ist in Sonatenform gehalten. Zwei recht einprägsame Themen tragen die Exposition, ihre Reihenfolge wird in der Reprise getauscht. Eine Improvisation bildet die Durchführung, sie ist ebenso ausnotiert wie die beiden Solo-Kadenzen. Das Lento hat den Charakter eines Wiegenlieds, es bietet dem Solopart weit gespannte Kantilenen. Im schnelleren Mittelteil erscheinen wiederum Improvisationslinien über einem stilisierten Walking Bass. Latin-Rhythmen kommen im quirligen Finale hinzu, die häufig in den Taktstrukturen und Akzentuierungen verschoben werden, herausfordernd in der Ausführung.
Den Klavierauszug erstellte der britische Pianist Thomas Ang 2017. Er spielte und leitete eine Reihe von Erstaufführungen Kapustin’scher Werke. Durch sein Bestreben, den Orchestersatz so vollständig wie möglich auf das Klavier zu übertragen, ist sein Klaviersatz grifftechnisch sehr anspruchsvoll.
Das zweite Cellokonzert von Kapustin bereichert das Cello-Repertoire durch das Angebot, auf diesem Instrument auch einmal jazzig zu phrasieren. Die Basis freilich bildet eine traditionelle Instrumentaltechnik, wie ebenso weite Strecken des Werks an ein Concertino der klassischen Moderne erinnern. Es hat mit ca. 23 Minuten (die Dauer ist im Notenband zu kurz angegeben) die Ausdehnung eines vollwertigen Solo-Konzerts, das sowohl Ausführenden als auch Zuhörenden Vergnügen bereiten dürfte.
Christian Kuntze-Krakau

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